Das Museum Burg Linn erhält ein Brandenberg-Gemälde als Dauerleihgabe. Das Gemälde dokumentiere, so der stellvertretende Leiter des Museums Burg Linn, Dr. Christoph Dautermann, einen Aspekt der Krefelder Stadtgeschichte und biete im Rahmen der Museumspädagogik einen Ansatz zur Diskussion über Brüche und Kontinuität vom Nationalsozialismus in die Nachkriegszeit | – Im Sommer 1942 befindet sich der Zweite Weltkrieg in seinem dritten Jahr. An der Ostfront rückt die Wehrmacht immer tiefer in die Sowjetunion ein, im ägyptischen El Alamein stehen sich britische und deutsche Truppen gegenüber, ein Landungsversuch britischer und kanadischer Einheiten bei der nordfranzösischen Hafenstadt Dieppe scheitert mit hohen Verlusten aufseiten der Alliierten. In Polen werden die ersten Ghettos aufgelöst und die Menschen in die Vernichtungslager deportiert. In diesem dritten Kriegsjahr malt Wilhelm Ludger Brandenberg (1889 – 1975) eine idyllisch anmutende Szene am Mörterhof im Krefelder Westen. Drei Hitler-Jugend-Jungen warten mit einer schwarzen Fahne bestückt an einem Sommertag auf die Straßenbahn. Der Himmel ist blau, Wiesen und Bäume strahlen im kräftigen Grün. Wie die Unterhaltungsfilme der NS-Propaganda gaukelt auch der Maler mit nationalsozialistischer Gesinnung hier eine friedliche, heile Alltagswelt vor. Das Museum Burg Linn hat dieses Ölbild nun als Dauerleihgabe erhalten. 

»Das Gemälde dokumentiert einen Aspekt der Krefelder Stadtgeschichte«, sagt Dr. Christoph Dautermann. Der stellvertretende Leiter des Museums Burg Linn in Krefeld hat sich ausführlich mit dem Werk Brandenbergs beschäftigt und es im Rahmen einer Ausstellung 2011 bewertet und historisch eingeordnet. Als Vertreter der Neuen Sachlichkeit passten Brandenbergs Themen und Ästhetik in die Ideologie der Nationalsozialisten, wobei die Neue Sachlichkeit nicht pauschal hier verortet werden kann. »Wir wissen aber, dass Brandenberg in der NSDAP war«, so Dautermann. Parteianwärter war er schon vor seinem Eintritt 1937. Seine einzige feste Anstellung erhielt er von 1934 bis 1944 als Lehrer einer Meisterklasse an der Folkwang-Schule in Essen. Schriftliche Aussagen seinerseits über die NS-Zeit existieren kaum, was eine Bewertung seiner Einstellung nur durch Zweit- oder Drittquellen ermöglicht und eine objektive Beurteilung erschwert. »Es gibt Hinweise darauf, dass er dem Ideengut der Nationalsozialisten offenbar aufgeschlossen gegenüberstand«, sagt Dautermann. Der relative Bekanntheitsgrad unter den Nationalsozialisten schadete ihm offenbar nicht. Nach dem Krieg wurde er wegen seiner Lehrtätigkeit und Parteimitgliedschaft nicht aus dem Kunstbetrieb ausgeschlossen und beteiligte sich bis 1966 an 151 Ausstellungen. 

Ob sich die dargestellte Situation mit den Hitler-Jugend-Jungen überhaupt so begeben hat oder ob es sich um eine erdachte Szenerie handelt, kann nicht mehr geklärt werden. »Die einstigen Eigentümer wollten nach dem Zweiten Weltkrieg, dass Brandenberg die Hitlerjungen übermalt«, berichtet Dautermann. Der Maler habe sich jedoch geweigert, so der stellvertretende Museumsleiter, und ihnen gesagt: »Das ist ein Zeitdokument.« Ob historisch-politische oder ästhetische Gründe ihn zu dieser Reaktion bewogen haben, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Die Weigerung der Übermalung als einen Ausdruck einer kontinuierlichen nationalsozialistischen Haltung nach 1945 zu bewerten, bleibt wegen der nicht vorhandenen Quellen spekulativ. »Diese offene Frage bietet im Rahmen der Museumspädagogik einen Ansatz zur Diskussion über Brüche und Kontinuität vom Nationalsozialismus in die Nachkriegszeit«, so Dautermann. Anhand dieses konkreten Beispiels sei zudem eine kritische Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur während des Nationalsozialismus möglich. »Die Bildbetrachtung und die historische Einordnung bilden einen guten Einstieg in diese Thematik«, sagt Dautermann. Das Museum Burg Linn wird das Bild mit einem Begleittext zeitnah als Einzelexponat ausstellen.