Neue interessante Forschungsergebnisse aus der laufenden Auswertung der größten Grabung in der Geschichte des Archäologischen Museums in Linn, dem Abenteuer GroßgrabungTrotz Schließung des Archäologischen Museums und somit auch der aktuellen Ausstellung Abenteuer Großgrabung, gehen die Auswertungen der Funde der mittlerweile größten Grabung in der Geschichte des Museums weiter. Museumsleiterin Jennifer Morscheiser, Stadtarchäologe Hans-Peter Schletter und Doktorand Eric Sponville können von hochinteressanten und spannenden Forschungsergebnissen berichten. Eine solche wissenschaftliche Aufarbeitung ist in unserem Personalbudget nicht vorgesehen. Dazu braucht er leidensfähige Doktoranden, sagt Morscheiser mit Blick auf Sponville, der ihr Team seit Beginn der Grabung, seit 2017, auf der 3,7 Hektar großen Fläche unterstützt. Dessen Auswertung der Funde soll bis Ende des Jahres 2021 dauern, u. a. auch gefördert durch den Förderverein Freunde der Museen Burg Linn e. V., der in diesem Jahr sein 45-jähriges Jubiläum feiert.

Tour de Kultur – ein Blog der promovierten Historikerin, Autorin und Bloggerin Anja Kircher-Kannemann, bietet online einen kompakten Überblick zum Thema Gelduba – Abenteuer Großgrabung.

Das Kastell bei Gelduba war Teil des Niedergermanischen Limes, der als Grenzbefestigung Bestandteil des Römischen Reichs war und den linksrheinischen Teil des Rheinlands sowie der Niederlande von den nur bedingt kontrollierten rechtsrheinischen Gebieten abtrennte. Diese Grenzbefestigung soll Unesco-Weltkulturerbe werden. Zur Bewerbung könne bis Ende Februar noch auf Fragen der Gutachter geantwortet werden, dann sei das Antragsverfahren abgeschlossen. Das erklärte ein LVR-Vertreter der Deutschen Presseagentur (dpa).

Für den nördlichen Teil der kleinen zivilen Siedlung (Vicus) unmittelbar am Kastell hat der Doktorand der Kölner Universität Strukturen sichtbar gemacht, wie es selbst Stadtarchäologe Schmetter nicht für möglich gehalten hätte. Tausende Funde mussten dafür in akribischer Kleinarbeit ausgewertet und zugeordnet werden. So ist auch ein Plan der Siedlung aus dem 2. Jahrhundert entstanden, der die typischen römischen Streifenhäuser ebenso sichtbar macht wie die Wege, Straßen und Hinterhöfe. An der Grenze mehrerer Grundstücke ist bei der Grabung ein ganz besonderer Fund gemacht worden: Dort befand sich quasi im Hinterhof ein kleines Privatheiligtum, das sich offenbar mehrere wohlhabende Familien teilten. Das 2 mal 2,5 Meter große Gebäude – heute würde man wohl von einer Kapelle sprechen – ist erst der dritte private Kultbau überhaupt, der innerhalb von Gelduba nachgewiesen werden konnte. Vergleichsweise hochwertig war die Ausstattung. So konnten noch Reste des rot und weiß bemalten Putzes sichergestellt werden. Ein Heiligtum dieser Art (es stammt aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhundert) ist hier am Niederrhein bislang noch nie gefunden worden. Ähnliche Kultbauten waren bisher nur aus Großbritannien und Süddeutschland bekannt. Welche Gottheit in dem kleinen Gebäude verehrt wurde, darüber möchten Schmetter und Sponville keine Spekulationen abgeben.
Ab April 2017 hatte Stadtarchäologe Peter Schletter zehn Monate mit bis zu 40 Leuten rund um das nördliche Dorf am römischen Kastell gegraben. Auf dem 3,7 Hektar großen Areal sicherte das Team 90 000 Funde aus der Zeit 800 vor Christus bis 500 nach Christus. Die Schwerpunkte liegen auf einem eisenzeitlichen Gräberfeld, der Bataverschlacht im Jahr 69 nach Christus und dem erwähnten Nordvicus. Schletter selbst hat sich bei der Auswertung der Fundstücke auf den Bataver-Aufstand konzentriert. Das kleine germanische Volk war wegen seiner Kampfkraft geachtet und stellte sogar die persönliche Leibwache des Kaisers. Nachdem sich Nero 68 nach Christus getötet hatte, entbrannte ein erbitterter Streit um seine Nachfolge, in dessen Verlauf sich auch die Bataver erhoben.
Besonders intensiv hat sich Schletter mit den Helmen befasst. Davon sind bislang im Rheindelta, dem Wohnbereich der Bataver, nur etwa 20 gefunden worden, obwohl dort im ersten Jahrhundert 50 000 römische Soldaten stationiert waren, die jeweils eine Dienstzeit von 25 Jahren leisteten – 200 000 insgesamt. Einer der Helme wurde 2018 bei der Grabung in Gellep entdeckt, der einen Typus darstellt, wie er bislang nur an zwei weiteren Orten gefunden wurde, darunter in Mainz. Schmetter ist fest davon überzeugt, dass es sich hier um einen Bataver-Helm handelt, zumal die Germanen bei ihrem Kriegsschmuck gerne etwas dicker auftrugen. Seine Forschungsthese: Der Helm der batavischen Elite-Einheit blieb nicht zufällig auf dem Schlachtfeld liegen, sondern wurde hier als Trophaea, als Siegesdenkmal, rituell deponiert.