»Das Stadttheater, eine kommunale Aufgabe unserer Zeit«

Auszüge aus einer Ansprache, die der damalige Oberstadtdirektor Dr. Bernhard Heun anlässlich der Eröffnung des neu gebauten Stadttheaters am 7. Oktober 1952 hielt. Der Text wurde entnommen aus »Krefelder Konturen«, herausgegeben vom Oberstadtdirektor der Stadt Krefeld von 1954:

»Meine Damen und Herren! Die Feierstunde, mit der wir die Eröffnung des neu erbauten Theaters der Stadt Krefeld einleiten, ist gewiß ein Anlaß, zum Dank und zur Freude; zum Dank an alle, die in schwerer Zeit und unter eigener Bedrängnis Bausteine für dieses Haus der Kunst bereitgestellt haben, daneben ein Anlaß zur Freude darüber, daß dieses Werk fristgerecht und mit unerreicht niedrigen Kosten erstellt worden ist. Dieser Festakt, der so viele dem öffentlichen Leben und der Kunstpflege verbundene Persönlichkeiten vereint, scheint mir aber auch das Forum zu sein, um Rechenschaft über den Entschluß zum Theater-Neubau abzulegen und einen Blick auf Sinn und Notwendigkeit gemeindlicher Theaterpflege in unserer Zeit zu werfen.

»Krefelder Konturen«, Grafik: Walter Breker. Herausgeber: Oberstadtdirektor der Stadt Krefeld, 1954

»Krefelder Konturen«, Grafik: Walter Breker. Herausgeber: Oberstadtdirektor der Stadt Krefeld, 1954

Als das Krefelder Stadtparlament am 15. Februar vorigen Jahres mit großer Mehrheit den Bau dieses Theaters beschloß, gab es gewichtige Stimmen, die vor einem solchen Entschluß warnten. Bedeutete doch jener Entschluß die Verantwortung nicht nur für die Bau- und Einrichtungskosten dieses Hauses, sondern zugleich die Bereitschaft zur Fortsetzung des Theaterbetriebes in allen drei Spielgattungen und damit zur künftigen Bewilligung der unvermeidlichen Betriebszuschüsse. Wie fast alle großen Städte Deutschlands hatte Krefeld nach dem unseligen Hitler-Krieg drückende Sorgen um den Wohnungs- und Schulbau, um die Wiederherstellung der lebenswichtigen Versorgungs- und Verkehrsbetriebe, um Krankenanstalten, Alters- und Kinderheime – um nur einige der vordringlichsten Aufgaben zu nennen.
Wenn wir uns nach Beseitigung der schlimmsten Notstände im letzten Frühjahr zum Theaterbau entschlossen, so schwebte uns dabei kein fertiges, sondern nur ein spielfertiges Haus vor. Es bedarf einer tieferen Begründung, weshalb unsere Stadt und viele andere deutsche Städte die Unterhaltung von Theater und Orchester zu den notwendigen Bestandteilen der kommunalen Nachkriegsaufgaben zählen. Dabei soll das Wort »notwendig« so wörtlich verstanden werden, wie es in seiner Zusammensetzung aus »Not« und »Wenden« zu verstehen ist: Gehört zu den unsere Not wendenden Handlungen nicht nur die materielle Daseinsvorsorge, sondern auch die geistig-künstlerische des Theaters?
(…)
Frei von Bindungen an noch Vorhandenes und ohne Rückfall in eine alte Gewohnheit haben die Verantwortlichen die Notwendigkeit des Theaters für unsere Stadt bejaht. Mit welchem Recht?
Es wäre gewiss schön und es ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, daß jede Familie wieder ihren eigenen Herd, jedes Kind sein eigenes Bett besitzt, daß jede Schule ein Heim und keine Massenunterkunft darstellt. Aber auch wenn dies schon erreicht wäre, und wenn jeder kranke oder hilfsbedürftige Mitbürger die vollkommenste Pflege fände, wenn alle öffentlichen Dienste jeder berechtigten Forderung entsprächen, so wäre damit noch nicht die Aufgabe der Gemeinde erfüllt. Vielleicht wäre es die Vollendung des Wiederaufbaues, – aber was ist schon Wiederaufbau in unserer Zeit, in der ein ganzes Zeitalter, bisher die Neuzeit genannt, entschwindet!

Es liegt eine sinnbildliche Kraft darin, daß dieses Haus kein Wiederaufbau ist, so daß niemand, der darin schöpferisch oder empfangend der Kunst sich widmet, die hundert oder mehr Jahre vergißt, die zwischen 1952 und 1913 zu liegen scheinen. Was während der beiden letzten Generationen fast in der gesamten Welt an Veränderungen vorgegangen ist, übertrifft alle Stahlgewitter der Kriege und alle Feuerstürme der Bombennächte. Es wurden nicht nur Dächer, Mauern und Gewölbe zertrümmert, Menschen in allen Erdteilen geopfert oder gequält, sondern es ist die Innenwelt des Menschen revolutioniert und der Zusammenhalt der Menschheit zerbrochen worden. Dem Fortschritt der Technik, die noch vor 30 Jahren als Schutz und Helfer der Menschen, ja als Vorbote des Goldenen Zeitalters erschien, ist eine gesteigerte Lebensangst entsprungen und mit der Überwindung von Raum und Zeit durch Flugzeuge, Rundfunk und Fernsehen ist die innere Vereinsamung des Menschen und seine Flucht in die Masse gewachsen.
Viele von uns werden sich noch der Zeit vor dem ersten Weltkrieg erinnern, die in ihrer scheinbaren Stabilität eine lange Dauer jenes bürgerlichen Zeitalters erwarten ließ und – gemessen an unruhigeren Zeitläufen – dem augusteischen Zeitalter vergleichbar erschien. Es waren die Jüngeren der damaligen Generation, die im ersten Dezenium unseres Jahrhunderts die Brüchigkeit der überkommenen Ordnung verspürten, und es waren die Bühnendichter und die Bühnenkünstler, die jener bürgerlichen Welt ein Menetekel vor den Bühnenhorizont malten. Es folgten die Philosophen, die jener rosigen Frischfröhlichkeit den Untergang des Abendlandes prophezeiten.
(…)

Um (…) unsere Not wendenden Zielen näherzukommen, bedarf es an vielen Orten einer Körperschaft, die bereit und in der Lage ist, ein Theater als moralische Anstalt zu führen. Mehr als die seinerzeitigen Hoftheater haben die deutschen Provinztheater zeitnahe Bühnenkunst gepflegt. Seit dem Abgang der Monarchen sind es aber vor allem die deutschen Städte, die – zwischen ländlicher Zerstreuung und staatlicher Zusammenballung stehend – mit Hilfe der von ihnen aufgebrachten Zuschüsse dem Theater zu neuen Wirkungsmöglichkeiten verhelfen. In den Stadtverwaltungen war man sich seit 1918 darüber klar, daß es nicht genügt, die äußere Wohlfahrt der Bürger zu fördern, oder wieder herzustellen, sondern daß die Städte ihrer Bürgerschaft eine geistige und künstlerische Substanz darbieten müssen, um der Atomisierung der Menschheit in etwa entgegenzuwirken. Es trifft zwar zu und darf als ein Hoffnungsschimmer betrachtet werden, daß zwischen dem sakralen und dem profanen Bereich in unserer Zeitenwende ein Gespräch begonnen hat; aber solange wir – im Gegensatz zum Mittelalter – in sehr verschiedenen Sprachen miteinander reden, ist die Kunst und insbesondere die Bühnenkunst eine der wenigen Ringe, die den Einzelnen an die Gemeinschaft zu binden vermögen.
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In diesem Zusammenhang betrachtet ist das Theater kein Vorrecht einer reichen Zeit oder besitzender Schichten, sondern gleich Wohnung, Nahrung und Kleidung eine Lebensnotwendigkeit. Die deutschen Städte, vor allem die Trümmer-Metropolen, haben die unabweisbare Pflicht, nach Wiederherstellung der primitiven Daseinsbedingungen allen ihren Bürgern mindestens dann und wann den Zutritt zu echter Bühnenkunst zu bieten. Als die geschichtlich beglaubigten Träger des kulturellen Lebens dienen sie dabei auch den Bewohnern kleinerer Nachbargemeinden und des flachen Landes; sie erfüllen damit – oft wenig gewürdigt und ohne besonderen Auftrag – eine überörtliche Aufgabe, wie es auch hinsichtlich der höheren Schulen  und Krankenhäuser manchmal der Fall ist.  Im Gegensatz zu der Theatermüdigkeit nach dem ersten Weltkrieg erfreuen sich die deutschen Bühnen seit Jahren eines lebhaften Zuspruchs. Wir sind darum auch gewiß, daß unser neues Stadttheater aus der Stadt Krefeld und ihrer Umgebung eifrig besucht werden wird und insoweit seine kommunalpolitische Aufgabe erfüllen kann.
(…)«