Schnörkel an den Tempeln der Arbeit

Versorgungseinrichtungen und Fabriken schießen wie Pilze aus dem Boden.

Altes Klärwerk in Uerdingen, 1971, erbaut um 1910. Architekt: Jörg Bruggaier. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.-Nr. 13998: 9229/33

Altes Klärwerk in Uerdingen, 1971, erbaut um 1910. Architekt: Jörg Bruggaier. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.-Nr. 13998: 9229/33

Georg Bruggaiers spielte nach allen Regeln des Jugendstils mit plastischen Verformungen und bekrönte seinen Zweckbau aus dem neuen Werkstoff Beton gar mit einem geschweiften Dach: so geschehen 1910 beim Alten Klärwerk am Rundweg in Uerdingen. Die Stadtverordneten hatten auch die Errichtung zweier Wassertürme veranlasst: Der Architekt Bernhard Saalbach sah 1876 an der Gutenbergstraße einen Flachbodenbehälter vor, dessen Wände im Sockel zwei Meter dick sein mussten, um dem Druck standzuhalten. Einen Hängebodenbehälter entwarf Otto Intze 1897 an der Gladbacher Straße, wo schon vier Jahre zuvor das Wasserwerk II entstanden war. Das allererste Krefelder Wasserwerk stand seit 1877 an der Kempener Allee. Nach und nach lösten Wasserleitungen die üblichen Pumpen und Brunnen ab. Und die Stadt erwarb ein Gaswerk, um die Straßenbeleuchtung mit Gaslaternen zu gewährleisten.

Am Stadtrand, dort, wo Bauland günstig zu erwerben und der Transport auf ausgebauten Straßen und Eisenbahnlinien schnell zu bewerkstelligen war, wuchsen neue Fabriken empor. Die Samtfabriken von Mottau und Leendertz und Carl Flaskamp & Co sowie die Seidenfabriken Beindorff und von Beckerath und die Seidenwarenfabrik Hollender und Söhne begründeten Anfang des 20. Jahrhunderts den Ruhm Krefelds als einer Hauptstadt der Textilindustrie. Die Backsteingebäude der frühen Fabriken wiesen in der Regel drei bis vier Geschosse auf; Portale und Fassadenpartien wurden mit den damals beliebten Neo-Renaissance-Formen verziert. So auch 1899 die Weberei Krahnen und Gobbers, für deren Errichtung der Architekt Karl Hagemann verantwortlich zeichnete. Betont sachlich hingegen zeigte sich die Wachstuch- und Tapetenfabrik Heeder & Co der Baukünstler Girmes und Oediger. Maschinen für die Krefelder Textilunternehmen produzierte die Fabrik Leo Sistig, die chemische Fabrik Stockhausen & Traiser stellte Farbstoffe her, die in der Färberei C. A. Koettgen verarbeitet wurden. Die Crefelder Baumwollspinnerei, die Teppich-Fabrik und die Mützenfabrik von Max und Gottfried Gompertz runden das Panorama der Werksneubauten ab.

Lagerhaus im Rheinhafen Krefeld-Uerdingen, Hafenspitze 2014. Foto: Ralf Janowski

Lagerhaus im Rheinhafen Krefeld-Uerdingen, Hafenspitze 2014. Foto: Ralf Janowski

Der Bau des Hafens 1903 bis 1906 mitsamt Drehbrücke und drei Lagerhäusern sowie die neue Hafenbahn, die seit 1911 in Betrieb war, zogen neue Industrieansiedlungen nach sich: die Dreiring-Werke, Stoecker und Kunz, Guano und das Stahlwerk Becker. Die Architekten Knoch und Kallmeyer betreuten 1904 bis 1906 die Errichtung neuer Kasernen nach Vorgaben des königlichen Kriegsministeriums, in die das 2. Westfälische Husarenregiment Nr. 11 einzog und Krefeld zur Garnisonsstadt machte.

IRMGARD BERNRIEDER

Mottgräben:
Von einem eigenartigen Geruch, der über der Stadt lag, noch lange, nachdem die Abwasserkanäle zum Rhein fertiggestellt waren, berichtet Arthur Winkler 1925 in seinen Erinnerungen. Er stieg aus dem schwarzen Morast der »Mottgräben« auf, die sich entlang der Wege und Dyks hinzogen und die Abwässer der Färbereien aufnahmen. Anwohner litten der Chronik nach oft am »kalten Fieber«. Vor ihren Häusern mischten die Bewohner aus Klei-Erde und billigem Kohlengrus einen Kohlenbrei, den man als Heizstoff im Keller lagerte. Kraftfahrzeuge durften 1902 innerhalb der Stadt nicht schneller als 12 km/h fahren.