Denkmäler rund um St. Dionysius

Auf einen Spaziergang über die vier Wälle nimmt in einem Reiseführer von 1911 der Autor den Leser mit und schwärmt nicht nur von den alten Bäumen und den mächtigen, ausgezeichneten Gebäuden, sondern auch von den zahllosen kunstvollen Denkmälern. Heute steht selbst von den wenigen, die Altmetallspende und Bombenhagel überlebt haben, keines mehr an seinem Platz. Aber Krefeld ist, entgegen dem Augenschein, keine an Denkmälern arme Stadt, wenn man unter Denkmälern nicht nur Standbilder bedeutender Personen möglichst auf hohem Sockel verstehen will. Beispielhaft soll hier, um den Beweis anzutreten, der Bereich um Dionysiuskirche und Rathaus vorgestellt werden. Auf unterschiedlichste Art und Weise wird hier an Personen und Ereignisse in der Geschichte der Stadt und darüber hinaus gedacht, an Stellen, die nicht gerade ins Auge springen. Bei einigen soll auch etwas näher auf deren Funktion und auch auf die Geschichte ihrer Entstehung eingegangen werden.

Beginnen will ich mit der Mariensäule. Unübersehbar steht sie auf dem ehemaligen, 1756 angelegten Begräbnisplatz der Krefelder Katholiken an der Südseite der Dionysiuskirche. 1913 geplant in der Tradition anderer Mariensäulen wie der in Fischeln oder Uerdingen, bekam sie, als sie 1922 nach dem Krieg endlich aufgestellt werden konnte, eine erweiterte Bedeutung.

Mariensäule bei St. Dionysius 2014, Foto: Ralf Janowski

Mariensäule bei St. Dionysius 2014, Foto: Ralf Janowski

Mit der Brunnenumschrift »Friedenskönigin, bitte für uns … errichtet nach dem Weltkrieg 1914 / 18 von den Katholiken Krefeld« wurde sie auch zu einem Mahnmal. Wie die meisten Denkmäler der Stadt wurde auch die bronzene Madonna im Rahmen der Altmetallspende Anfang der 1940er Jahre demontiert, von mutigen Männern jedoch noch vom Sammelplatz entführt und bis Kriegsende versteckt.

Nur wenige Meter entfernt, in der Dionysiuskirche wird in einer, heute würde man sagen: Installation, an die gefallenen Pfarrmitglieder des Ersten Weltkrieges erinnert, aber in einer Art und Weise, die zum Brunnen nicht gegensätzlicher sein könnte. In der 1927 eingeweihten Kriegergedächtniskapelle sind auf drei Seitenwänden die 360 Namen in Stein gehauen und über dem Altar befindet sich eine lebensgroße Darstellung des heiligen Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, als Patron der gefallenen Krieger. Die Kapelle sollte, so sagte man damals, unseren toten Kriegern gleichsam das Heimatgrab ersetzen und ein Ruhmesmal sein. Geradezu ärmlich nehmen sich daneben die drei dunkelbraun gestrichenen Bretter aus, auf welche die Namen der Gefallenen der Pfarre aus dem zweiten Weltkrieg aufgemalt sind und die, wie zufällig, neben einer kleinen Pieta hängen. Für Heldenverehrung war hier kein Platz mehr.

Altar in der Gedächtniskapelle in St. Diyonisus, Foto: Ralf Janowski

Altar in der Gedächtniskapelle in St. Diyonisus, Foto: Ralf Janowski

Rechts vom stadteinwärts liegenden Haupteingang gedenkt mit ihrem Wappen die Stadt Krefeld an das goldene Priesterjubiläum des Krefelder Oberpfarrers Dr. Gregor Schwammborn 1948, der 1950 zum Ehrenbürger ernannt wurde. Auch im Inneren der Kirche erinnert eine Portraitbüste an ihn, die der Krefelder Bildhauer Theo Akkermann im Auftrag der Stadt 1948 anfertigte. Schwammborn, 1921 nach Krefeld versetzt, hatte sich schon zu Beginn seiner Amtszeit durch sein Auftreten gegenüber der Belgischen Besatzungsmacht, gegen die er die Rechte der Bürger vertrat, und sein aufrechtes Verhalten im Separatistenputsch großes Ansehen erworben. Zahllos waren seine Bemühungen, Verfolgte zu schützen und den Rechtlosen zum Recht zu verhelfen. Seine Einflussnahme ging über Pfarr- und Konfessionsgrenzen weit hinaus. Ebenso wie sein Ruf als Kanzelredner, auch wenn es manchem lieber gewesen wäre, er hätte Gott und Vaterland nicht so verquickt.

Leicht übersehbar und nur wenige Schritte nach Norden liegt seit 1979 ein Stein im Boden, der mit seiner Inschrift an die 13 Krefelder Familien erinnert, die 1683 als erste geschlossene deutsche Gruppe nach Amerika auswanderten und dort Germantown, heute ein Vorort von Philadelphia, gründeten. Die mit Füßen getretene kreisförmige Platte ist nur einer in einer Reihe von Versuchen, die Erinnerung an diese „Pioniere“ aufrecht zu halten. So nannte man Krefelds erstes modernes Hochhaus in den 1950er Jahren Philadelphia-Haus, und die benachbarte Kronprinzenstraße wurde in Philadelphiastraße umbenannt. Die Bedeutung dieser Personengruppe, die sich hier in Krefeld für dieses Wagnis organisieren konnte und zum größten Teil aus Quäkern bestand, liegt nicht allein darin, dass sie für viele Menschen den Weg in eine neue Heimat bahnten, sie brachten auch neues Gedankengut nach Amerika. Die Krefelder Auswanderer formulierten nur wenige Jahre nach ihrer Ankunft 1688 den ersten offenen Protest gegen die Sklaverei, der unter Berufung auf das neue Testament die erste öffentliche Infragestellung der Sklaverei in Nordamerika war. Dass nach dem Ersten und auch dem Zweiten Weltkrieg Nachkommen dieser Auswanderer mit der „Quäkerspeisung“ Kleinkinder und Schüler unterstützten, sei nur am Rande erwähnt.

Auf dem Weg zum alten Teil des Rathauses, früher von den Krefeldern nur »das Schloss« genannt, weil das ab 1791 von Conrad von der Leyen errichtete Gebäude die umliegende Bebauung in jeder Hinsicht um vieles überragte, kommen wir am südlichen Eingang des neuen Rathauses vorbei, der unter den Arkaden an der St. Anton Straße liegt.

Kriegsopfergedächtnistafel im  Rathaus. Foto: Ralf Janowski

Gedächtnistafel für die Kriegsopfer im Rathaus. Foto: Ralf Janowski

Unterhalb des Oberlichtes, direkt über dem Eingang und über dessen gesamte Breite hinweg, steht, kaum lesbar, auf einer Bronzetafel:  »In der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1943 wurde unsere Stadt durch Bomben zerstört.« In der Art einer Balkeninschrift, wie sie an alten Bauernhäusern üblich war, und wichtige Ereignisse aus der Hofgeschichte festhielt, sollte daran erinnert werden, dass fast 2000 Tonnen Spreng- und fast ebenso viele Brandbomben aus mehr als 600 Flugzeugen auf die Innenstadt gefallen waren und das Stadtbild grundlegend veränderten. Mehr als tausend Tote waren zu beklagen und gut 80.000 Menschen waren obdachlos geworden. Beschämend war das jahrelange Gerangel um eine angemessene Würdigung der Opfer dieser fürchterlichen Bombennacht. Nach endlosen Diskussionen und einem Wettbewerb wurde der Vorschlag für ein Mahnmal auf dem Platz vor dem Rathaus – der durch Bombenexplosion entstanden war –  wieder fallengelassen. Der Preisträger war übrigens ein Brite! Der Vorschlag für eine größere Wandplastik an der Ostseite des erweiterten Rathauses 1957 fand keinen Anklang. Kaum bemerkt von der Öffentlichkeit wurde schließlich am 3. Juni 1959 die Bronzetafel nach einem Entwurf von Ewald Mataré, angebracht.

Nicht so versteckt, geradezu in Augenhöhe aber kaum wahrgenommen, findet sich im Eingangsbereich des alten Rathauses, das nach der fast vollständigen Zerstörung von 1943 erst 1955 wieder hergestellt worden war, eine kleine unglasierte Tontafel, die eine klagende Gestalt in langem Mantel zeigt, die in einem stilisierten (Kriegsgefangenen-) Lager steht. Die Arbeit von Professor Fritz Theilmann, Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft, sollte am »Kriegsgefangenen Gedenktag«, 23. und 24. Oktober 1955, an öffentlichen Gebäuden Nordrhein-Westfalen angebracht werden.

Gedenktafel anlässlich der Verteidung des Krefelder Rathauses 1923. Foto. Ralf Janowski

Gedenktafel anlässlich der Verteidung des Krefelder Rathauses 1923. Foto. Ralf Janowski

Fast gänzlich verborgen und kaum zugänglich ist eine kleine Bronzetafel, die an zwei städtische Mitarbeiter, Polizei–Betriebsassistent Hermann Lenssen und Polizeioberkommissar Schneider, erinnert, die bei der Verteidigung des Rathauses zu Tode kamen. Durch sie wird die Erinnerung an ein düsteres Kapitel der rheinischen Geschichte aufrecht erhalten. »Sie starben für Deutschlands Einheit« steht unten auf der Tafel, die rechts neben der Tür hängt, die vom Balkon des Rathauses ins Innere führt. 1923 gab es Bestrebungen, durch die Bildung eines rheinischen Sonderstaates die Länder am Rhein vom Deutschen Reich zu trennen. Die »Sonderbündler« standen unter dem Schutz der Besatzungsbehörden. Am Abend des 23. Oktober begann auch der Kampf um das Krefelder Rathaus. Der Versuch von Gruppen der Bürgerschaft, am 25. Oktober das Rathaus zu besetzen, hatte keinen Erfolg. Die Separatisten, mittlerweile durch schwer bewaffnete und gut bezahlte Abenteuergruppen verstärkt, hatten auch Barrikaden rund um das Rathaus errichtet. Oberbürgermeister Johannsen, dessen Frau und Tochter mittlerweile entführt worden waren, bat den Kreisdelegierten der belgischen Besatzer, die in unmittelbarer Nähe residierten, den Schutz der Stadt zu übernehmen. Dieser lehnte »eine Einmischung in innerdeutsche Angelegenheiten« ab. Am Abend wurde in seinem Beisein die Polizei entwaffnet und das Rathaus, das in der Folge gestürmt und geplündert wurde, an die Sonderbündler übergeben. Keine zwei Wochen später, am 8. November, verfügte der Kreisdelegierte den Abzug der »ortsfremden Elemente«.

Abschließend sei, um die Aufzählung vollständig zu machen, noch die große steinerne Tafel mit den Namen der im ersten Weltkrieg gefallenen Mitarbeiter der Stadtverwaltung im alten Nordflügel des Rathauses und die lebensgroße und lebensnahe Abbildung von Papst Johannes XXIII, inzwischen vom Papst-Johannes-Haus nach St. Dionysius verbracht, erwähnt.

Die Häufung derartig vieler Denkmäler im Umfeld dieser beiden Gebäude ist sicher nicht zufällig. Bei aller Verschiedenheit in Form und Funktion weisen sie doch eine Fülle an Gemeinsamkeiten auf, die sich erst auf den zweiten Blick offenbaren. Die katholische Haupt-Pfarrkirche der Stadt und das ehemals hochherrschaftliche Bürgerhaus, das erst 1860 zu einem Haus für alle Bürger wurde, errichtete man bewusst vor der Stadt und außerhalb der Stadtmauer, wie ein Riegel schoben sie sich in die schon vorhandene darauf zuführende Straße. Die katholische Kirche, weil man sie unter Vorbringung verschiedenster Gründe in dieser Zeit nicht innerhalb der Stadt haben wollte, das »Schloss« weil sein Erbauer glaubte, einflussreich genug zu sein, um sich von der normalen Bürgerschaft in der Stadt absetzen zu können. Beide Gebäude prägten so das Stadtbild und stellen bis heute »Sinnbilder« dar.

Krefeld, das zeigt die Betrachtung, ist mitnichten eine an Denkmälern arme Stadt, viele von ihnen gehören der Kategorie Mahnmale an. Deutlich ablesbar ist auch, dass die Formensprache mit der Zeit bescheidener wird, weg von einem bildmächtigen Objekt zu einem oft nur versteckten Hinweis – dessen Bedeutung erarbeitet werden will, denn es heißt ja Denk – Mal!

GEORG OPDENBERG