»Hier ist überall bürgerliche Glückseligkeit«

Der fremde Blick auf die Stadt: Joachim Heinrich Campe

Joachim Heinrich Campe (1746-1818). Kupferstich von F. Müller

Joachim Heinrich Campe (1746-1818). Kupferstich von F. Müller

Im Juli des Revolutionsjahres 1789 besucht der  Verleger und Pädagoge Joachim Heinrich Campe Krefeld. In einem Brief an seine Tochter Lotte schwelgt der Aufklärer: »Ich nenne dir, indem ich Krefeld hinschreibe, den Namen der niedlichsten, saubersten, freundlichsten und blühendsten Manufakturstadt, die ich je gesehen habe. Der bloße Anblick macht den Fremden heiter und froh. Das schöne, längst den Häusern ausgelegte Straßenpflaster ist so rein, als wenn es täglich gewaschen würde, und so eben, als wenn die Steine abgeschliffen wären. Die Häuser sind alle von Backsteinen und in holländischem Geschmack, aber doch mit mehr Abwechslung erbaut als der holländischen Bauart sonst eigen zu sein pflegt.«

Den Briefschreiber erstaunen die Schilder an den meisten Häusern, die er für Gasthäuser hält. Man belehrt ihn, dass die Schilder »nur zur bequemen Unterscheidung der Häuser« dienen. Diese »industriöse« Stadt enthalte 700 Gebäude, berichtet er weiter, um dann auszuführen: »Bei einer gewöhnlichen Bevölkerung würde sie also ohngefähr viertausend Einwohner zählen. Man rechnet aber die hiesige Volksmenge bis auf siebentausend Seelen. Dies würde unglaublich klingen, wenn man nicht dabei in Erwägung zöge, dass die meisten Häuser von Fabrikanten bewohnt werden und also nicht bloß eine Familie, sondern auch Werksgesellen und Lehrburschen in sich fassen.« Begeistert schreibt er auch über seine Besichtigung der Seidenmanufakturen der Herren von der Leyen, die »nicht bloß dieser Familie und nicht bloß diesem Orte, sondern ganz Deutschland Ehre macht.« Er sieht sich nach England versetzt, »in eine der blühendsten Fabrikstätte, so groß ist der Umfang dieser Anstalt, so sinnreich das Maschinenwerk, so musterhaft die dabei überall herrschende Ordnung und Reinlichkeit!«

Seidenfärberei um 1863. Aus: »Altes Crefeld«, Verlag Weidlich Frankfurt/M. 1975

Seidenfärberei von Krakau um 1863. Bleistiftzeichnung von A. Borchel, aus: »Altes Crefeld«, Verlag Weidlich Frankfurt/M. 1975

Um sich die Größe der Anlage vor Augen zu führen, solle sie sich vorstellen, dass hier 6000 Menschen beschäftigt seien und dass neben einigen »palastartigen Gebäuden« ganze Straßen kleinerer Häuser dazuhörten. Von diesen Weberhäusern berichtet Campe, dass sie »inwendig durchbrochen sind, so dass man aus einer Werkstatt in die andere tritt und alle unter einem Dach zu sein scheinen.« Er lobt den Einsatz eines Pferdes, das einen ganzen Saal voll Abhaspelungsmaschinen antreibt, indem es mit verbundenen Augen auf der Stelle tritt, und er gesteht, dass er die Damastweberei nicht durchschaut. Im Vergleich zu westfälischen Städten schneidet Krefeld bestens ab: »Hier ist alles munter, alles tätig, alles betriebsam! Hier ist überall Wohlstand und bürgerliche Glückseligkeit!«
»Freiheit und Duldung«, so Campe, seien die beiden Zauberworte, die diesen Unterschied begründen.

IRMGARD BERNRIEDER