Kulturzentrum Fabrik Heeder

Im Jahre 2014 blickte die Fabrik Heeder in Krefeld auf eine 25-jährige Geschichte als städtisches Kulturzentrum zurück. Der vorrangige Veranstaltungsort für das angebotene Programm ist ein 1906 errichtetes Gebäude, das von den Architekten Wilhelm Girmes und Heinrich Oedinger ursprünglich als Tapetenfabrik konzipiert worden war. Der Bau an der heutigen Virchowstraße ist ein markantes Beispiel für eine damals moderne Fabrikarchitektur.

Fabrik Heeder 2016. Foto: Brigitta Heidtmann

Fabrik Heeder 2016. Foto: Brigitta Heidtmann

Seit 1845 bestand auf dem Areal, auf dem das Gebäude steht, eine Produktionsstätte für Wachstuch und Tapeten. Der aus Bremen stammende Franz August Heeder übernahm 1860 einen Teil dieses Unternehmens. Im Jahre 1882 kaufte der aus Uedem stammende Kaufmann David Devries das Geschäft. Von nun an betrieben – unter Beibehaltung des Firmennamens Heeder & Co. – drei Generation der Familie Devries das Unternehmen. Um 1900 waren in der Firma über 100 Personen beschäftigt. Heeder & Co. gehörte zu den bedeutendsten Tapetenfabriken in Deutschland.

Infolge der Weltwirtschaftskrise geriet Heeder & Co. ins Trudeln. Im Jahre 1932 wurde eine Einlage im Betriebskapital erheblich zurückgesetzt. Die Firma ist 1936 in einem Vergleichsverfahren aufgelöst worden. Der letzte Inhaber emigrierte nach Kolumbien.

Der Niedergang von Tapetenheeder stand in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit den Auswirkungen der nationalsozialistischen Boykott-Politik gegen Unternehmen, deren Inhaber Juden waren. Die Familie Devries war jüdischer Herkunft. Die von den Nationalsozialisten initiierten Boykottaufrufe können gleichwohl dazu beigetragen haben, dass die Firma Umsatzeinbußen zu verkraften hatte.

Die Abwicklung von Heeder & Co. in Liquidation dauerte mehrere Jahre. Der aus Kaldenkirchen stammende Fritz Peters erwarb 1939 das Anwesen und richtete hier eine Abteilung seiner Wellpappen- und Kartonagenfabrik ein. Im Zweiten Weltkrieg nutzte das deutsche Militär Räumlichkeiten von Wellpappenpeters als Bekleidungsdepot für ein Armeekommando.

Nach Kriegsende und Wiederaufnahme der Produktion wurde 1950 an der Ostseite des alten Hauptgebäudes der von Architekt Max Sippel entworfene Erweiterungsanbau für Fritz Peters errichtet. Im Jahre 1958 wechselte das Unternehmen den Standort und zog nach Kapellen. Das Anwesen wurde wieder militärisch genutzt, von 1959 bis 1967 war auf dem Gelände ein Ersatzteildepot der Bundeswehr angesiedelt. Neben den wenigen abkommandierten Soldaten waren über 200 zivile Arbeitskräfte im Depot beschäftigt, darunter viele Frauen.

Nach Auflösung des Bundeswehrdepots diente ein Holzschuppen auf dem Areal dem Petersschen Unternehmen als Lager für große Papierrollen. Von 1971 bis 1974 produzierte eine Abteilung der Druckerei Scherpe im Erweiterungsanbau. Eine letzte industrielle Nutzung vollzog kurzfristig eine niederländische Firma. Es folgte ein zehnjähriger Leerstand, der bis 1985 andauern sollte.

Mit dem Ankauf des Petersschen Objekts durch die Stadt Krefeld im Jahre 1979 wurde eine Voraussetzung für die heutige Nutzung geschaffen. Allerdings drohte auch ein Abriss, als das alte Hauptgebäude und der Erweiterungsbau in ein Sanierungsvorhaben der Krefelder Stadtverwaltung einbezogen wurde. Die Diskussion um Erhalt oder Abbruch endete 1985, als der Stadtrat beschloss, die ehemalige Fabrikanlage zukünftig u.a. als öffentliche Begegnungsstätte, für Verwaltungs- und für Theaterzwecke zu nutzen. Das Nutzungskonzept sah auch Familienfürsorge und Wohnraumerrichtung vor. Die von der Landesregierung NRW in Aussicht und auch zur Verfügung gestellten Städtebauförderungsmittel haben die Entscheidung sicherlich befördert.

Ein maßgeblicher Punkt in der Diskussion war das Interesse des Stadttheaters, das für sich in Anspruch nahm, das alte Hauptgebäude »entdeckt« zu haben, und die Idee, dort zusätzliche Raumkapazitäten zu finden, 1985 mit einem »Theaterzelt« auf der Freifläche vor dem Gebäude und dem darin präsentierten Programm untermauerte. Auch haben die politischen und sozio-kulturellen Rahmenbedingungen in der Diskussion eine Rolle gespielt. In den 1980er-Jahren entstanden vielerorts in Nordrhein-Westfalen gleichartige Zentren, die von der Städtebauförderung des Landes unterstützt wurden.

Allerdings soll nicht unerwähnt bleiben, das die mehrjährige »Bedenk- und Umbauzeit« des ersten Bauabschnittes von einem intensiven Diskurs begleitet wurde. Das aus heutiger Sicht kontinuierlich erfolgreich gestaltete Projekt Fabrik Heeder war bei seiner Entstehung für die seinerzeit Beteiligten ein schwieriges Unterfangen.

Erste Nutzungen in der Fabrik Heeder erfolgten im Jahr 1988: Ende März wurde die Bezirksverwaltungsstelle Krefeld-Süd (heute Bürgerbüro Süd) eröffnet, im September tagte erstmals die Bezirksvertretung Krefeld-Süd und im November 1988 gab es eine Aufführung des Krefelder Schul- und Jugendtheaters. Im März 1989 nahm das Stadttheater seinen Vorstellungsbetrieb auf und im April 1989 fand die offizielle Einweihung statt.

Um dem expandierenden Kulturbetrieb in der Fabrik Heeder neue Räumlichkeiten zu verschaffen, wurde ab 2004 der bis dahin nicht sanierte Erweiterungsanbau nach Plänen der Architektinnen Peggy Pietzonka und Sandra Pietzonka für eine zusätzliche Theater- und Büronutzung umgebaut. Mieter der Büros im zweiten Stockwerk sind Gewerkschaften. Die Vermietung leistet den gewollten Effekt einer Refinanzierung. Im Rahmen des Förderkontextes entstand unter der Leitung der genannten Architektinnen zeitgleich auch ein als Verwaltungsgebäude für Einrichtungen des städtischen Sozialwesens konzipierter Neubau an der Südseite des Erweiterungsanbaus. Im April 2006 fand die offizielle Einweihung statt.

Das dem Kulturbüro zugeordnete Kulturzentrum Fabrik Heeder vereint 2014 mehrere Einrichtungen. Die Aufführungssäle im Hauptgebäude von 1906 und im Erweiterungsanbau von 1950 nutzt das Kulturbüro für das eigene Programm, vor allem für Angebote aus dem Bereich des zeitgenössischen Tanzes, für Aufführungen im Rahmen der Puppentheatertage sowie für Konzerte und Lesungen. Als Einrichtung des Kulturbüros ist zudem das städtische Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Fabrik Heeder angesiedelt, es probt und produziert hier eigene Stücke. Darüber hinaus steht neben Probe- und Fundusräumen dem Theater Krefeld und Mönchengladbach hier eine zweite Spielstätte in Krefeld zur Verfügung. Weitere Einrichtungen im Hauptgebäude sind das bereits genannte Bürgerbüro, die Jugendkulturwerkstatt des Fachbereichs Jugendhilfe und Beschäftigungsförderung der Stadt Krefeld, die Fotogalerie Heeder, das Frauenkulturbüro NRW e.V. und die hauseigene Gaststätte »Kulisse«, die im Übrigen in den 1990er-Jahren ein eigenes Konzertprogramm stemmte. Im Erweiterungsanbau ist seit 2006 außerdem ein Atelier eingerichtet worden, in dem seit 2012 der BBK – Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Niederrhein e.V. mit dem Projekt »Pförtnerloge – raumbezogene Kunst in der Fabrik Heeder« jährlich drei Ausstellungen realisiert. Daneben steht das Atelier seit 2006 Lehrenden und Studierenden des Fachbereiches Design der Hochschule Niederrhein für die Präsentation ihrer Arbeiten zur Verfügung. Mit Vermietungen der Räumlichkeiten der Fabrik Heeder für kulturelle Zwecke wird das Programmangebot punktuell ergänzt.

REINHARD SCHIPPKUS