Eisschiffchen für fünf Pfennige

Zeitreise in den Sommer 1938

Professor Ernst Althoff spaziert als Zehnjähriger durch sein Viertel und die Innenstadt:
»Unsere Adresse ist Jägerstraße 54, aber gleich ›öm de Eck‹ liegt der Blumenplatz, und da lässt es sich prima spielen. Mörmeln und bolzen unter den Platanen, die auf dem Rechteck in zwei Reihen stehen. Die Notkirche von St. Norbertus ist wenig älter als ich. Wenn die Dampfsirenen der nah gelegenen Fabriken heulen, haben die Arbeiter Pause, und ich weiß, dass ich zum Mittagessen erwartet werde.

Jägerstraße/Ecke Blumenplatz 2014, Krefeld. Foto: Ralf Janowski

Jägerstraße/Ecke Blumenplatz 2014, Krefeld. Foto: Ralf Janowski

Ich wohne mit meinen Eltern in einem Vierfensterhaus mit drei Stockwerken. Hinter dem Flügelanbau liegt unser Garten. Die Fassade ist mit Stuckelementen verziert. Wie die meisten Nachbarhäuser. Die Schreinerei meines Vaters befindet sich nur wenige Häuser weiter in einem Anbau. Wenn meine Mutter mir etwas aufträgt, brauche ich nicht länger als zwei Minuten bis zu einer der Bäckereien am Platz, zum Metzger oder Gemüsehändler. In den angrenzenden Wohnblocks haben viele Handwerker ihre Betriebe, dort finden sich auch Kohlenhändler, eine Drogerie mit Farbenhandlung sowie die Paramentenweberei Dutzenberg und Müllemann & Bonse, wo Maßbänder für die Textilindustrie hergestellt werden (beide Firmen existieren bis heute). Ich besuche die Schule 21 an der Marktstraße. Meine Eltern vertrauen mir, und so darf ich unser Viertel schon ohne Begleitung verlassen.
Der Kirchturm der St.-Dionysius-Kirche ist ein guter Orientierungspunkt, aber eigentlich finde ich meinen Weg auch blind. Er führt mich zu Mahr vor der Dionysius-Kirche, wo es alle Materialien für den Flug- und Schiffsmodellbau gibt. Um in der Hitler-Jugend dem Marschieren zu entgehen, nehme ich an einem Kurs im Modellbau teil, den ein Volksschullehrer leitet. Die besten Flugzeugmodelle mit Namen wie ›Strolch‹ und ›Baby‹ nehmen an Flugwettbewerben auf dem Eglsberg teil. Eine andere Station auf meinem Spaziergang ist das Spielzeuggeschäft Seidel an der Hochstraße/Ecke Rheinstraße. Ich klebe am Schaufenster und bestaune die unerreichbaren Eisenbahnen von Märklin und die Autos von Schuco, für die in meinem Elternhaus das Geld fehlt. Wenn meine Oma mir hin und wieder ein Fünfpfennigstück zusteckt, mache ich einen Umweg über den Westwall, wo ich mir an der kleinen Eisdiele ein ›Schiffchen‹ mit einer Kugel Zitroneneis kaufe. Im Sommer wirft manchmal auch der Bäcker Biesemann seine alte Eismaschine an, dann fällt die Wahl zwischen Vanille-, Erdbeer- und Schoko-Eis schwer. Ich lasse mich treiben, hinein in die schmale Poststraße, an der Pforte zum ›Klösterken‹ vorbei. Die Karmeliterinnen in ihrer Nonnentracht sind so selten zu sehen, dass es mich schon in den Fingern juckt, am Klingelzug zu ziehen.

Markthalle an der Friedrichstraße um 1920, Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.-Nr. 5087

Markthalle an der Friedrichstraße um 1920, Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.-Nr. 5087

Hin und wieder begleite ich meine Mutter Donnerstag, kurz vor Geschäftsschluss, gegen 19:00 Uhr, noch in die Markthalle in der Friedrichstraße, die einen Hinterausgang zur Königstraße hat. In der gekühlten Fischhalle wird Schellfisch gekauft, dann geht es in die große Halle, wo sich ringsum eine Galerie zieht. Dort oben bieten Korbflechter ihre Waren feil, und man kann das bunte Treiben zwischen den Ständen gut beobachten. Und Fräulein Kauertz hat immer ein Probierstückchen Käse für mich.«

ERNST ALTHOFF | IRMGARD BERNRIEDER

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