Kindheit in einem Krefelder Haus

Aufgewachsen bin ich in einem Krefelder Haus, im Westbezirk. Genauer gesagt war es der Flügelanbau eines Dreifensterhauses auf dem unteren Teil der Prinz-Ferdinand-Straße, südlich der Marktstraße. Der Hauseingang und somit auch der Flügel waren links angeordnet, sodass die Fenster unserer beiden Zimmer nach Süden zeigten und die Sonne in der Mittagszeit auch herein.

Den Begriff Krefelder Haus hat in jener Zeit kein Mensch für diese Drei- und Vierfensterhäuser, die unser Viertel prägten, benutzt. Die meisten Häuser im Westen der Stadt waren im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden und unterschieden sich im Grunde nur dadurch, dass der Flügel mal länger oder kürzer, zwei oder drei Geschosse hoch oder über eine Tordurchfahrt zu erreichen war. Man wohnte im Flügel oder im Vorderhaus, oben oder Parterre. Die Toiletten waren auf dem Flur und manchmal sogar noch auf dem Hof. Fast alle meine Freunde und Schulkameraden wohnten so. Auch mein Vater ist in so einem Haus groß geworden und selbstverständlich auch mein Großvater.

Als das dritte Kind kam und die beiden Zimmer im Flügel zu klein wurden, zogen meine Eltern mit uns ein paar Häuser weiter, auf die gegenüberliegende Straßenseite in die zweite Etage, ins Vorderhaus. Die Hausbesitzerin, ein ältliches Fräulein, die auf die Anrede Fräulein sehr großen Wert legte, war über eine junge Familie mit drei kleinen Kindern als neue Mieter überhaupt nicht glücklich. Dem Druck jedoch, mit dem der Herr Pastor an ihr gutes Herz und das Gebot der christlichen Nächstenliebe appellierte, konnte sie nichts Gewichtiges entgegensetzen. Später dann saßen wir bei Tante Adele, wie wir sie nennen durften, auf der Fensterbank und sie sang uns das Lied von der Amsel, dem schwarzen Peter, vor.

Sieben Parteien, heute kaum noch vorstellbar, lebten zu diesem Zeitpunkt in dem Haus. Im Vorderhaus, Parterre, direkt neben der Haustür wohnte traditionell der »Hosbes« (Hausbesitzer). Oft hatte er dort einen Laden oder hinten im Hof eine Werkstatt. So war es auch hier gewesen. Im ehemaligen Verkaufsraum der Bäckerei, die ihr Vater dort bis vor dem Krieg führte und in der dahinter liegenden ehemaligen Wohnküche, lebte die jetzige Eigentümerin. In dem großen Zimmer mit Balkon, in der Belletage, wohnte eine alte Dame die sehr schlecht zu Fuß war und sich immer hinten auf dem Flur, neben der Toilette das Wasser holen musste. In den eineinhalb Zimmern daneben, das kleine zur Straße, das andere zum Hof hin, wohnte die Witwe eines Kammermusikers.
Darüber kamen wir. Das große Zimmer zur Straße war Schlafzimmer für uns fünf, und der Schlafzimmerschrank verstellte die Tür zum Treppenhaus. Das kleine Zimmer daneben, mit nur einem Fenster zur Straße, war das Wohnzimmerchen, in dem auch der Schreibtisch meines Vaters stand, in dessen großer Schublade sich viele, für mich geheimnisvolle Dinge befanden. Die Küche, in der sich beinahe das ganze Leben abspielte, hatte zwei Fenster zum Hof durch die nur im Hochsommer und das auch nur am späten Nachmittag die Sonne herein schien. Das Mobiliar war übersichtlich: ein Küchenschrank mit Aufsatz für Töpfe und Geschirr, ein Küchentisch mit Schublade, zwei Stühle und eine Eckbank für uns Kinder, unter deren Sitzen alles Mögliche verstaut werden konnte und der Herd, der nicht nur zum Kochen und Backen und Waschen diente, sondern mit dem im Winter auch die ganze Wohnung geheizt wurde. In den anderthalb Zimmern im Flügel, zwei Stufen niedriger, aber auf der gleichen Etage wie wir, wohnte Tante Köhler, eine alte Kriegerwitwe und arm wie eine Kirchenmaus. Zeit ihres Lebens hatte sie sich mit Putzen und Waschen bei fremden Leuten über Wasser gehalten. Wer darunter wohnte, weiß ich nicht mehr. Parterre hinten, neben dem Hof, wohnte ein älteres Ehepaar und als dieses auszog, das muss etwa 1960 gewesen sein, zog mein Opa dort ein und brachte seine große, weiß emaillierten Badewanne mit dem dazu gehörenden Brikettofen, mit dem das Badewasser erhitzt wurde, mit. Fortan musste sich unsere Mutter nun nicht mehr jeden Freitagnachmittag, bepackt mit einer Tasche voller Handtücher, frischer Wäsche und einem Stück Seife und drei Kindern im Schlepptau zum wöchentlichen Bad in die Jägerstraße auf den Weg machen.

Als in der ersten Etage die Wohnung im Flügel frei wurde, bekamen wir Kinder in dem kleineren Raum, und die Eltern in dem größeren, ein eigenes Schlafzimmer. Als einige Jahre später meiner Mutter das Treppensteigen zu viel wurde und sich die Gelegenheit bot, zogen wir mit Küche und Wohnzimmer eine Etage tiefer. In die Wohnung oben zog dann, wieder gegen den anfänglichen Widerstand der alten Hausbesitzerin, eine junge Gastarbeiterfamilie mit italienischen Wurzeln ein. Irgendwann bekam auch meine Schwester ein eigenes Zimmer, die Küche kam nach ganz unten und rückblickend muss man feststellen, dass wir im Laufe der Jahre und Jahrzehnte nach und nach fast alle Räume auf die eine oder andere Weise bewohnt oder genutzt haben, angefangen vom Keller mit der ehemaligen Backstube im Flügel, in der noch der alte Backofen stand, über den Luftschutzraum im Vorderhaus, in dem neben den Kohlen auch in einer windschiefen und wurmstichigen alten Küchenanrichte die Einmachgläser aufbewahrt wurden, bis hinauf zum Trockenspeicher auf dem man herrlich spielen konnte. In einem der Speicherzimmer, in denen ursprünglich einmal Kostgänger gewohnt hatten, wurden in alten Koffern die Dinge gelagert, für die in den Schränken kein Platz mehr war und natürlich all´ die Marmeladengläser. Und hinten im Hof, auf dem nur ein paar Büschel Farn ihr trauriges, lichtloses Dasein neben der Mülltonne fristeten, im Schuppen hinter dem Flügel, der einmal Waschküche gewesen war, hatten wir, neben der Teppichstange, Platz für unsere Fahrräder.

GEORG OPDENBERG

Ein weiterer Text beschreibt Kindheitserinnerungen von Prof. Ernst Althoff vom Sommer 1938