Cornelius de Greiff – Wohltäter der Stadt

Geschichte eines Denkmals – Teil 2

Cornelius de Greiff, 1863. Getuschte Bleistiftzeichnung, aus: »Altes Crefeld«, Verlag Weidlich Frankfurt/M. 1975

Cornelius de Greiff, 1863. Getuschte Bleistiftzeichnung, aus: »Altes Crefeld«, Verlag Weidlich Frankfurt/M. 1975

Bei einer Betrachtung dieses Trauerspiels, darf oder muss man sich doch fragen, was ist an dieser Säule, dass sie so zu Widerspruch oder Verleugnung amtlicherseits reizt? Was hat dieser »Wohltäter der Stadt« getan, dass sich die Verantwortlichen in dieser oft beschämenden Art und Weise aus der Verantwortung stehlen?

Der größte Teil der Bewohner dieser Stadt und ihre Repräsentanten hatten das Denkmal 1865 gewollt, finanziert und aufgestellt. Die Verdienste des Herrn Cornelius de Greiff sind sattsam bekannt. Sechs Jahre vor seinem Ableben vermachte er seinen Mitbürgern testamentarisch insgesamt 466.000 Taler, angefangen von 120.000 Talern für das Krankenhaus, mit der Auflage, 100.000 Taler »hypothekarisch unterzubringen«, um mit deren Zinsen die laufenden Bedürfnisse zu bestreiten, Gelder für je ein Verpflegungshaus für »dürftige« Männer und Frauen über 65 Jahre, je ein evangelisches und katholisches Waisenhaus, Gelder für ein Leichenhaus, je eine städtische Fleisch- und Kornhalle bis hin zur Bereitstellung von 50.000 Talern »zur Unterstützung von 50 dürftigen aber braven Familien namentlich solche, die viele Kinder zu erziehen haben«. Auch hier, wie bei fast allen anderen Stiftungen, sollten nur die Zinsen »zur Anwendung« kommen.

Darüber hinaus bat er seinen zum Haupterben eingesetzten Bruder, dem, was von seinem Vermögen nach Erfüllung seines Vermächtnisses übrigbliebe, »nach Gutdünken ebenfalls eine Bestimmung zu gemeinnützigen wohltätigen Zwecken geben [zu] wollen«. Marianne Rhodius, seine Nichte und Universalerbin, die in den 37 Jahren, die sie Cornelius überlebte, 4.500.000 Mark für die öffentliche und private Wohlfahrt spendete, verfügte eingangs ihres Testamentes: »In Ausführung des von meinem seligen Oheim, dem Herrn Cornelius de Greiff in seinem Testament ausgesprochenen Wunsche schenke und vermache ich ferner noch als Partikular-Legate der Stadt und Gemeinde Crefeld die Summe von 1.800.000 Mark«.

Allgemein ist zu sagen, dass es eine Eigenart des Mediums »Denkmal« war und ist, dass sein Gebrauch nicht nur die Verfügung über erhebliche Geldmittel voraussetzt, sondern ebenso die über öffentlichen Grund und Boden. Aus diesem Machtmonopol und aus dem daraus abgeleiteten Anspruch aber ergab sich oft schon eine ablehnende Haltung dem jeweiligen Denkmal gegenüber. Die daraus folgende Abwehr ging häufig über verbale Kritik hinaus und konnte bis zur Demontage oder Zerstörung führen. In Kenntnis dieser Frontenbildung zwischen den meist »amtlichen« Denkmalsetzern auf der einen und »dem Volk« auf der anderen Seite wurden schon bei der Aufstellung entsprechende Vorkehrungen getroffen, ablesbar zum Beispiel an wehrhaften Umfriedungen.

Bei der de-Greiff-Säule scheint diese Frontenbildung jedoch unter einem umgekehrten Vorzeichen zu stehen. Denkmalbefürworter so scheint es, sind hier diejenigen, denen die Stiftungen zugutekommen sollten. Unter diesem Blickwinkel besehen, bekommen sogar die im ersten Augenblick unverständlichen Vorgehensweisen amtlicherseits einen möglichen Sinn.

Die Denkmaldemontage begann nicht erst 1940 mit der »Buntmetallspende«, sie ist so alt wie das Denkmal selbst und hat viele Väter.
Schon bei der Planung hieß es in einer Eingabe: »Denkmale auf öffentlichen Plätzen errichtet man hochverdienten Fürsten, Feldherrn, Dichtern, Gelehrten, überhaupt Männern von weitest reichender Bedeutung und Wirksamkeit. Bei Verdiensten, welche an sich sehr dankenswert, aber ausschließlich lokaler Art sind, hat man sich bis dahin gemeiniglich beschränkt auf Denktafeln am Geburts- oder Sterbehaus … «. Der Einsender entfachte mit seiner offenbar isolierten Meinung flammende Empörung. Die wenigen Gegner des Denkmals machten schon bald einen Rückzug und beteuerten, es nicht so gemeint zu haben. Aber die Denkmalzerstörung, oder das Kratzen am Ruf des Cornelius, ging weiter, wenn zunächst auch nur verbal.

Das Stadtschloss, Stahlstich, 1863

Das Stadtschloss, Stahlstich, 1863. Aus: »Altes Crefeld«, Verlag Weidlich Frankfurt/M. 1975

Karl von der Leyen, Mitglied einer der ersten Krefelder Familien, beschreibt den alten Cornelius in seinen Crefelder Familienerinnerungen 1889 als »alten Junggesellen« der »sein ganzes Leben den Geizhals spielte und von dem als einem bekannten Stadtoriginal die wunderlichsten Geschichten erzählt wurden«, und der »der Stadt etwa eine halbe Million Taler für verschiedene wohltätige Zwecke ..« vermachte. Der Vorfahr des Karl von der Leyen, Friedrich H. von der Leyen, Kaufmann, ehemaliger Bürgermeister und Bewohner des »Schlosses«, des heutigen Krefelder Rathauses am Von-der-Leyen-Platz, hinterließ der Stadt bei seinem Tode 1842 3.000 Mark für die Armen und 6.000 Mark zum Ausbau des allgemeinen Krankenhauses – diese Zahlen nur zum Vergleich.

Gemessen an seinem Einkommen mag Cornelius zwar einfach und sparsam gelebt haben, aber der Vorwurf des Geizhalses war nichts weiter als üble Nachrede. Dass er sich selbst bereicherte, nicht aber auch das Ansehen ihres Standes hob, das haben ihm seine Standesgenossen wohl nicht verzeihen können. Den Grundstock ihres Vermögens hatten die de Greiffs im landwirtschaftlichen Bereich und schon vor der französischen Revolution gelegt. Der Vorwurf, dass Cornelius mit seiner Spende nur das Geld, das er seinen Webern vorenthalten hatte, auf diese Art und Weise zurückgäbe und er im übrigen nur ein »reuig gewordener Ausbeuter« wäre, ist irrig und als schon im Ansatz falsch von Walter Nettelbeck in seinem kleinen Buch über de-Greiff von 1969 zurückgewiesen worden. Aber derartige Vorwürfe sind langlebig.

Eine gewisse Reserviertheit seinen Stiftungen gegenüber mag aber auch in deren religiösen Bindung liegen. So durfte laut Testament das »Comite,… um das ganze ins Leben zu rufen, zu leiten und zu überwachen« nur aus Personen bestehen, »die sich mennonitischen oder evangelischen Glaubens bekennen«. Seltsamerweise »verschwand« das originale Testament, nachdem sich die Stadt Krefeld den Teil des Testamentes, der »das Vermächtnis« genannt wurde und die Spenden ausschließlich für Krefeld enthielt, hatte bestätigen lassen. Es wurde erst 1967 nach langem, systematischem Suchen entdeckt. Ähnlich verhielt es sich mit dem Testament der Marianne Rhodius. Die Abschriften sind angeblich im Krieg verbrannt, und die Präambel, den Hinweis auf die Erfüllung des Testamentswunsches ihres Oheims, verschwieg die Stadt bei der Veröffentlichung im Jahre 1902. Sogar die einzige Bedingung im Testament der Marianne Rhodius, die Familiengruft der de Greiffs »stehts in gutem Zustand zu halten« wurde jahrzehntelang mehr als nachlässig gehandhabt.

Und was ist aus der Markthalle und dem entsprechenden Grundstück geworden, »Wo blieben seine Taler?«. Walter Nettelbeck kommt in seinem Buch zu einem deprimierenden Ergebnis. Die betreffenden Akten sind im letzten Krieg samt und sonders verbrannt und das Kapital durch Geldentwertung zusammengeschmolzen. Im Etat der Stadt Krefeld von 1968 verblieben nach Abzug der Unkosten vom gesamten Stiftungskapital 4.380 DM.

150 Jahre nach seinem Tod müssen wir beschämt feststellen, dass das dauerhafteste Denkmal nicht die Stadt oder ihre Bürger sondern de-Greiff sich selbst gesetzt hat, »dauernder als Erz« wie Horaz einmal sagte. In der Erinnerung großer Teile der Bevölkerung lebt der alte Cornelius noch immer fort, wenn auch nicht unumstritten. Ein Original ohne Sockel in unserer an Originalen arm gewordenen Zeit, der, ohne dass man es ihm ansah, ein Herz für die Schwachen in der Gesellschaft hatte.

Das ursprüngliche Denkmal von 1865 ist zusammen mit seiner alten Umgebung unwiederbringlich verloren. Aber vielleicht findet sich doch irgendwann ein Prinz, der das Dornröschen …

GEORG OPDENBERG