Stephan Balkenhol – Mann mit grünem Hemd und grauer Hose, 1995

Stephan Balkenhol, Mann mit grünem Hemd und grauer Hose, 1995, Zedernholz, Farbe. Helios-Klinik, Dach, ca. 250 cm. Foto: Ralf Janowski

Man muss schon in die Höhe blicken, will man jenen »Mann mit grünem Hemd und grauer Hose« sehen. Da steht er gelassen am Rande eines gleichermaßen markanten wie künstlich erscheinenden Dachfirstes der 1995 fertig gestellten »Neuen Herzklinik« und blickt unverdrossen vor sich hin. Was mag er wohl sehen, dieser überlebensgroße Mann von seinem rund 25 Meter über dem Boden befindlichen Standpunkt? Klar, Krefeld in Richtung Nordosten mit den Türmen der St. Stephans- und Friedenskirche und so mancher weiteren Architektur bis hin zum Hülser Berg. Das ist doch schon was. Aber ist er besorgt, wo er doch kurz vor dem Abgrund steht? Genießt er einfach den Ausblick? Oder amüsiert er sich vielleicht auch immer noch über jenes rund 30seitige Gutachten, das kurze Zeit nach seiner Aufstellung dort oben in Auftrag gegeben werden musste, da sich besorgte Gemüter Gedanken um Suizid gefährdete Patienten gemacht haben? Immerhin konnten das Gutachten und auch der Lauf der Zeit zeigen, dass sich bislang Niemand durch das Werk animiert fühlte, von jenem Dachfirst zu springen. Schwer zu sagen also, was der hölzerne Geselle da oben so macht und empfindet, zumal sich aus der Entfernung kaum eine Mimik erkennen lässt.

Von anderen Arbeiten Balkenhols aber ist bekannt, dass sie gar keine oder kaum Mimik aufweisen. Nicht nur bundesweit sondern auch national irritieren seine emotionslos wirkenden Figuren auf Plätzen, Brücken und an Fassaden. In der Regel weist nichts in ihrem Gesichtsausdruck oder ihrer Gestik darauf hin, dass sie Stellung beziehen oder kommentieren wollen. Was nicht immer gelingt. Denn 2012 im Rahmen der documenta 13 in Kassel hat Balkenhols »Engel« im Glockenturm der Elisabeth-Kirche für Ärger gesorgt, da es schien, als wolle der Künstler und Nicht-Documenta-Teilnehmer als Trittbrettfahrer vom Trubel des Kunstevents profitieren. Doch diese eher eigenwillige Interpretation oblag letztlich den Betrachtern, und war somit wiederum ganz im Sinne des Künstlers, der absichtlich »Angebote zu Geschichten macht, ohne diese zu Ende zu erzählen.« (Balkenhol)

So auch in Krefeld, wo besagte Figur auf dem Dach in ihrer Allerweltskleidung letztendlich ein Sinnbild für Jedermann sein kann. Stehen, gucken und schauen, was passiert, lautet die Devise. Nur springen wäre unangemessen. Den Rest regelt die Zeit.

Werkangabe:
Stephan Balkenhol, Mann mit grünem Hemd und grauer Hose, 1995, Zedernholz, Farbe. Helios-Klinik, Dach, ca. 250 cm

CHRISTIAN KRAUSCH