Im Bau, am Bau oder um den Bau herum

Seit 1992 markiert die ca. 6 Meter hohe Edelstahlskulptur von Richard Deacon, genannt das »Doppelohr«, gut sichtbar den Voltaplatz. Rund 10 Jahre früher findet bereits die Arbeit »Cross-Section of a Toothbrush with Paste in a Cup on a Sink: Porträt of Coosje`s Thinking« von Claes Oldenburg, auch bekannt als »Zahnbürste«, vor Haus Esters ihren Platz. Und seit 1991 reflektiert die bereits 1985 konzipierte Linsenallee mit 16 großen Glaslinsen von Adolf Luther das Geschehen auf dem Ostwall.
Diese Arbeiten im öffentlichen Raum sind in und auch für Krefeld bekannt, wie auch die 1911 von Johannes Stiegemann entworfene Bronze des Seidenwebers »Meister Ponzelar«. Nach seiner Einschmelzung 1940, beobachtet er seit 1947 in neuem Guss von seinem Sockel am Südwall Ecke Ostwall das sich verändernde Treiben in der Stadt, von dem auch das marmorne Standbild des »Kaiser Wilhelm«, 1899 geschaffen von Gustav Eberlein, seit 1979 am Westwall neben dem gleichnamigen Museum einiges zu berichten weiß. Im Hauptbahnhof wiederum wird der Reisende direkt durch ein großes Glasfenster von Hubert Spierling aus dem Jahr 1996 begrüßt, das ein anderes, ein Antikglasfenster von Hans Kirchner von 1950, ersetzt. Und Markus Oehlens »Pferd«, jener eigenwillige Bronzetorso am Kaiserplatz, verleitet seit 1994 nicht nur Schüler der angrenzenden Gesamtschule zu gelegentlichem Reitunterricht nicht nur in Sachen Kunst.
Kunstwerke im öffentlichen Raum haben eine lange Tradition. Nachdem noch im 19 Jahrhundert zahlreiche Denkmäler für die Plätze und Straßen der Städte entstehen, beginnt mit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts eine von historischen Ereignissen und/oder Persönlichkeiten losgelöste Förderung junger Kunst. Neben einzelnen, von privaten Auftraggebern finanzierten oder gestifteten Werken, verändern von nun an kontinuierlich erst unter dem Label »Kunst am Bau« und dann, ab den 80er Jahren, als »Kunst und Bau«, zahlreiche Kunstwerke auf Plätzen, an Hauswänden und auch in Kirchen das Stadtbild. Mehrfach greift dabei die Regelung einer prozentualen Finanzierung, die sich an den Kosten des geplanten Baus orientiert.

Hubertus Brouwer – Deckenmosaik, 1958. Rathaus Krefeld, Portikus.

Hubertus Brouwer – Deckenmosaik, 1958. Rathaus Krefeld, Portikus. Foto: Ralf Janowski

Bis heute finden sich auf diesem Wege entstandene Zeugen dieser Zeit in der Stadt, wobei nicht immer allen jene Aufmerksamkeit zukommt, die ihnen gebührt. So fallen zwar verschiedene Wandarbeiten für die Krefelder Wohnstätte von Peter Bertlings mit den für Krefeld typischen Webermotiven bis heute auf, wohingegen jene frühe Arbeit von Ulrich Rückriem aus geschnittenem Blaustein von 1972 auf der Wiese vor der Edmund-ter-Meer-Realschule eigentlich nur und wenn überhaupt als seltsamer »Stein« bekannt ist. Aber immerhin! Denn was ist mit den fünf quadratischen, 1958 von Hubertus Brouwer für die Stadt entworfenen quadratischen Mosaikfeldern in den Zwischenräumen der Portikusarchitektur des Rathauses, die sich weit über den Köpfen ziemlich gut vor den Blicken der Betrachter verstecken? Sind sie wirklich im Bewusstsein der Bevölkerung verankert? Von Brouwer stammen auch zwei große, mit Unterstützung von Klaus Peter Noever gebrannte Keramikreliefs für die inzwischen abgerissene und durch den Neubau der Mediothek ersetzte Stadtbibliothek, von denen immerhin eines durch bürgerliches Engagement vor der Zerstörung bewahrt werden konnte. Das andere aber ist verloren, wie auch die frühen Brüstungsmosaike von Noever aus dem Jahr 1959 am Haus Luisenplatz 6, die 2014 erst mit dem Abriss des Hauses zerstört worden sind.
Tatsächlich ist nicht immer ist absehbar, was mit jenen für das Stadtbild geschaffenen Schätzen der Vorjahre im Bau, am Bau und um den Bau herum passiert. Deutlich wird das auch am Beispiel des genannten Antikglasfensters von Hans Kirchner im Hauptbahnhof, das seit Jahrzehnten verschollen ist. Deutlich wird dies überdies bei den für die Stadtwerke Krefeld erstellten 50 Hohlspiegel von Adolf Luther aus der Mitte der 80er Jahre, die nach ihrer Restaurierung 2013 nun eine neue Heimat im Frankfurter Kunstmuseum Städel gefunden haben.
Was wäre, wenn auch Stephan Balkenhols »Mann mit grünem Hemd und brauner Hose« von 1993 auf dem Dach der Helios-Klinik abmontiert und nicht mehr zur Diskussion über eventuelle Suizidfragen anregen würde? Wäre es nicht traurig, wenn überdies jenes rätselhafte ICHS von Ludger Gerdes im Garten von Haus Lange dem kollektiven »Wir sparen« anheim fiele? Oder was wäre, wenn Will Brülls einstmals sprudelnde Brunnenplastik auf dem Theaterplatz tatsächlich dauerhaft zuwächst und die vierteilige Stahlarbeit von Ingo Ronkholz vor dem Stadthaus allmählich durchrostet? Fragen, denen es sich immer wieder zu stellen gilt, wenn es darum geht, den künstlerischen Schatz auf Krefelds Plätzen, an Hausfassaden und in Kirchen zu bewahren.

CHRISTIAN KRAUSCH

weitere Info
zu Kunst im öffentlichen Raum in NRW: http://www.nrw-skulptur.de

Zwei Artikel über die Pflege der Kunst im öffentlichen Raum:
»Sorge um Kunst im öffentlichen Raum« von Petra Diederichs in der Rheinischen Post vom 13.4.2016  und
»Künstler fürchtet um seine Skulptur« von Claudia Kook in der Westdeutschen Zeitung vom 9.3.2016