Hans Joachim Albrecht – mehr als nur eine »Hockende«

Hans Joachim Albrecht – Hockende, entgegengesetzt – Paar, 1998, Stahl, 200 x 110 x 90 cm, Westwall 124, Krefeld. Foto: Ralf Janowski

Als »Hockende, entgegengesetzt – Paar« lässt sich die Arbeit von Hans Joachim Albrecht, Jahrgang 1938, auf dem Westwall nicht gleich erkennen. Zu sehr stößt sich der Blick an den emporstrebenden, querstehenden oder ausladenden Stahlplatten. Umso einprägender aber ist dann der Moment, in dem sich plötzlich aus den Flächen, Graten, Binnenräumen und Profilen der einzelnen Elemente die Figur vor den Augen entfaltet. Natürlich bleibt sie auf grobe Konturen reduziert, ist aber durch die Fantasie in ihrer kompakten Gesamtheit perfekt.

Seit dem Studium der Bildhauerei an der Kunsthochschule in Kassel von 1958 bis 1962 erstrebt Hans Joachim Albrecht, 1973 – 2000 Professor der Gestaltungslehre, Plastischen Gestaltung sowie Angewandten Farbgestaltung an der Hochschule Niederrhein, die Abstraktion der menschlichen Form. Sein Interesse gilt dem Körper in vertrauten Bewegungsmustern, etwa beim Stehen, Schreiten, der körpereigenen Drehung oder, seit 1982, in der Hocke. Albrecht beschränkt sich dabei auf grundlegende Elemente, Teilstücke vielleicht, die sich dann unter den Blicken des Betrachters wieder vervollständigen. Voraussetzung dafür ist die Aktivität des Rezipienten, der erst aus verschiedenen Blickwinkeln die gesamte Figur erfassen kann.

Es gibt zahlreiche Arbeiten von Albrecht im Krefelder Außenraum, beispielsweise als »Bewegliche figürliche Doppelform« von 1970 vor dem »Krefelder Hof«, die »Figürliche Doppelform« von 1971 im Sollbrüggenpark Krefeld-Bockum, die »Hockende, zurückgestreckt« von 1987 an der VHS, die »Hockende, aneinandergelehnt« von 1995 im Hof der Volksbank Hüls, oder die Bronze »Kopf und Hand, umfassend« von 1996 im Theater. Gemeinsam sind ihnen die langwierigen Vorarbeiten, zeichnerischen Studien oder auch Tonmodelle, an denen Albrecht das Zusammenspiel der Formen so lange erprobt, bis er sie in Stahl, Stein oder vereinzelt auch Glas überträgt. Seit 1998 beobachtet nun die Arbeit »Hockende, entgegengesetzt – Paar« auf dem Westwall den Lauf der Dinge. Die Spuren der Zeit schaden ihr dabei nicht. Im Gegenteil. Verfärbungen des Stahls durch Rost oder Lichteinfall sind geradezu gewünscht. Es lohnt sich zu erkennen, wie unterschiedlich das Material witterungsbedingt erscheint und dem hockenden Paar mal durch Sonne oder Regen zu mehr Leichtigkeit oder auch Schwere verhilft. In diesen Momenten des Übergangs erwacht die Skulptur vollends zum Leben und lässt endgültig vergessen, dass ihr Korpus aus Stahl und letztlich nur aus der Idee einer Figur erwachsen ist.

Werkangabe:
Hans Joachim Albrecht – Hockende, entgegengesetzt – Paar, 1998, Stahl, 200 x 110 x 90 cm, Westwall 124

CHRISTIAN KRAUSCH

 

Literatur:
Leinz, Gottlieb: Hans Joachim Albrecht. Recklinghausen 1988
Hans Joachim Albrecht – Skulpturen, Collagen, Druckgraphik und Zeichnungen 1965 bis 1993. Katalog Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 1994
Hans Joachim Albrecht – Skulptur und Zeichnung 1986 bis 2000, Krefeld 2001
Hans Joachim Albrecht – Entwürfe für öffentliche Räume, Kunst bei Cargill – 16. Ausstellung. Katalog Cargill Deutschland GmbH Krefeld, Krefeld 2008