»Abseits der ernsten Musik«

– die Musikszene in Krefeld seit den 1960er Jahren

Schon in den 1960er Jahren gibt es in Krefeld eine wild wuchernde Pop- und Rockszene. Die Krefelder Jugendlichen springen auf den damals weltweit dominanten Zug auf. In der Beat-Ära ist Krefeld eine »Beat-Hochburg«. Wolfgang Hellfeier, Waldo Karpenkiel, Ulrich Pudelko und Hans Rommerskichen haben die Zeit in ihrem Schmöker »Wer beatet mehr?« gut eingefangen.
Konzerte gibt es in der Niederrheinhalle und in der Königsburg, die nur Saal und noch keine Diskothek ist, und in zahlreichen Tanzlokalen. In den Eiscafés erklingen die neuesten Hits aus der Jukebox. Und: »Da, wo … eine Kirchengemeinde ein Jugendheim hatte und am besten auch noch einen Keller, gab es meist auch eine Nachwuchsband, die sich an den ersten Griffen auf einer gebrauchten Gitarre versuchten« (sic!), schreibt Pudelko.
Die Bands hießen »The Dynamits«, »The Outlaws« oder »The Generals«, bei der Waldo Karpenkiel trommelte, und es wurden gar »Beat-Meisterschaften« ausgetragen. Insgesamt werden in »Wer beatet mehr?« 59 Krefelder Amateurbands und eine Profiband namens »Die Fremden« gelistet.

Die Musiker gründen eine eigene Interessenvertretung

Auch der Musikszene der 1970er Jahre haben sich Hellfeier, Karpenkiel, Pudelko und Rommerskirchen gewidmet. In »Krefeld rockt die Siebziger« werden über 100 Bands dokumentiert, die Szene »abseits der sogenannten ernsten Musik …, des Chorgesangs und des Dixieland-Jazz« (Pudelko) explodiert geradezu. Rock, Blues, Jazz, elektronische Musik, Reggae und vieles mehr wird nicht mehr nur nachgespielt. Die Bands bauen sich eigene Repertoires auf. Man will nicht mehr »nur« zum Tanz auf- oder bekannte Hits nachspielen.
»Apares« im Bereich Rock oder »Apriori Basta« im Bereich Jazz waren in Krefeld bekannte Gruppen. Aktionskünstler Caco sorgte mit dem »Jupp van de Flupp Orchester« für Furore. Die selbst ernannten Avantgardisten machten Musik mit Bohrern, Staubsaugern und anderen Alltagsgegenständen. Waldo Karpenkiel ist nun mit der Jazzrock-Band »Kollektiv« professionell erfolgreich, die Gruppe nimmt Platten auf und tourt im ganzen Land. An diesen Erfolg kann Karpenkiel später mit der Rockjazz Big Band »Supersession« anknüpfen.

Kollektiv im Jahr 1973 mit Waldemar »Waldo« Karpenkiel, dr. Klaus Dapper, sax, fl, Jürgen »Jogi« Karpenkiel, b, und Jürgen Havix, g. Foto: Metronome.

Kollektiv im Jahr 1973 mit Waldemar »Waldo« Karpenkiel, dr. Klaus Dapper, sax, fl, Jürgen »Jogi« Karpenkiel, b, und Jürgen Havix, g. Foto: Metronome.

Es gibt regelrechte Szenekneipen, etwa das Bebop oder das Meschugge. Neben der Niederrheinhalle wird auch das Haus Blumenthal als Spielstätte genutzt. 1977 formiert sich die Krefelder Musiker Initiative als Interessenvertretung. Ziele sind eine Minimalgage von 100 DM pro Musiker und Konzert sowie mehr Proberäume. Darüber hinaus organisiert die KMI selbst Konzerte und Festivals. Auch der schon seit 1958 betriebene Jazzkeller öffnet der KMI und der Krefelder Szene seine Pforte. Als Anfang der 1980er Jahre das Haus Blumenthal aufgrund eines Pächterwechsels nicht mehr für größere Konzerte zur Verfügung stand, löste das die Suche nach einem neuen Ort aus, der mit der Kulturfabrik 1983 gefunden wurde. Wichtige KMI-Mitglieder wechselten in den Kufa-Verein.

Bunte Independent-Szene

Von links Ulrich (»Bosel«) Kisters, b, Mike Pelzer, voc, key, g, Jürgen Jaehnke, dr und Markus Jansen, voc, g. Bis auf Kisters entspricht das der Erstbesetzung von »M. walking

Von links Ulrich (»Bosel«) Kisters, b, Mike Pelzer, voc, key, g, Jürgen Jaehnke, dr und Markus Jansen, voc, g. Bis auf Kisters entspricht das der Erstbesetzung von »M. walking on the water«. Foto: Rüdiger Dehnen.

In den 1980er Jahren entwickelte sich in Krefeld eine bunte Independent-Szene. Punk und Folk-Rock, Ethno-Pop und Pop-Rock sind die neuen Stile. Bands wie »Tchalo«, »Beam me up, Scotty« und »Dear Wolf« entwickeln den Ehrgeiz, mit ihrer Musik den Amateur-Status zu verlassen. Markus Jansen und Mike Pelzer gelingt das mit ihrer Truppe »M. walking on the water«. Der KMI gehört keine dieser Bands mehr an. Das Goethe-Institut schickt die »M.‘s«, wie sie von ihren Fans genannt werden, in den Kaukasus und nach Afrika, dank eines sogenannten Major-Vertrags kann die Band über eine ganze Reihe von Jahren mehrere Tonträger produzieren. Stammkneipe der »M.‘s« ist der »Blaue Engel« auf der Schwertstraße, bis heute die beliebteste Szenekneipe der Stadt. Die »härtere« Fraktion der Musiker trifft sich in der »Tannenhöhe« auf der Tannenstraße.
In den 1980er Jahren entsteht auch die erfolgreichste Band, die Krefeld bisher hervorgebracht hat, wenn auch mit wenig Innenwirkung in die Szene hinein. »Lucifer’s Heritage« tritt 1984 auf den Plan – mit Metal-Rock. Seit 1987 heißt die Gruppe »Blind Guardian«, und unter diesem Namen hat sie bis heute weit über 2 Millionen Tonträger weltweit verkauft, Tourneen führte die Band rund um den Globus. Von den Gründungsmitgliedern sind aktuell noch Hansi Kürsch (voc) und André Olbrich (g) dabei. Anfang 2015 legt die Band mit »Beyond The Red Mirror« ihr zehntes Studioalbum vor.

Krefelds Musik-Export-Schlager: Die Metal-Band »Blind Guardian« mit Marcus Siepen, g, Hansi Kürsch, voc, Andre Olbrich, g, Frederik Ehmke, dr (v.l.) Foto: Hans Martin Issler.

Krefelds Musik-Export-Schlager: Die Metal-Band »Blind Guardian« mit Marcus Siepen, g, Hansi Kürsch, voc, Andre Olbrich, g, Frederik Ehmke, dr (v.l.) Foto: Hans Martin Issler.

In den 1990er Jahren feiert die Independent-Szene sich selbst mit der Herausgabe zweier Sampler – »Creinveld 113« (1991) und »Creinveld 215« (1994) –, neue Impulse aber werden kaum noch gesetzt, neue Bands, die sich länger in den Herzen der Fans festsetzen, tauchen ebenso wenig auf.
1997 endet die Bandkarriere der »M’s« vorläufig, Revivals im 21. Jahrhundert führen aber nicht mehr zur alten Kontinuität. Markus Jansen verfolgt zudem mit der Band »Jansen« ein Projekt, in dem er alleine Frontmann ist. Bemerkenswert ist, dass Jansen in letzter Zeit immer mal wieder live mit dem 32 Jahre jüngeren Liedermacher Patrick Richardt auftritt. Jansen, ist trotz fortgeschrittenen Alters ein kreativer Kopf geblieben, der auch von den neuen Protagonisten der Musikszene geschätzt wird.

Im 21. Jahrhundert – die Krefelder Szene »wuchert« weiter

Die Krefelder Musikszene in den ersten zwei Dekaden des 21. Jahrhunderts bleibt so vielfältig und so unüberschaubar wie in der ganzen Zeit zuvor. Zwangsläufig kann hier nicht jede Band und jeder Musiker Erwähnung finden, diese Nebenbemerkung muss jetzt einmal gemacht werden. Es möge sich also bitte keiner auf den Schlips getreten fühlen, der hier nicht auftaucht. Der Platz ist zu begrenzt … Darüber hinaus gibt es im Rahmen des Internetauftritts von »Kultur in Krefeld« den Musik-Index, der die aktuelle Musikszene widerspiegelt.
Die KMI existiert zwar immer noch, aber eine andere Vereinigung hat sich in den Vordergrund gedrängt. Zwischen 2003 und 2012 werden vom Netzwerk Krefeld Achtung, das sich als Krefelder Rock-Community versteht, vier Sampler herausgebracht. Außerdem kann man im Netz das Krefeld- Achtung-Wiki bewundern, das die aktuelle Krefelder Szene lexikalisch zu erfassen versucht. Die Fülle der Bands, die hier aufgelistet ist, wirkt wieder einmal erschlagend – im positiven Sinne.

Besonders erfolgreich ist derzeit das Quartett »The Fog Joggers« um Sänger Jan Büttner. Der melodiöse Indie-Rock der Band kommt an, nicht nur bei den Fans. Eine große Biermarke nutzte einen Song der Krefelder als Soundtrack zu einem Werbespot. Das beschert der Band bundesweit Bekanntheit und einen finanziellen Puffer, mit der sie gelassen ihre weitere Entwicklung vorantreiben kann.

Mit dem »Provinztheater« um die beiden studierten Designer Nicolai Skopalik und Philipp Maike hat 2006 eine Konzeptband die Bühne der Krefelder Indie-Szene betreten. Die Musiker machen nach eigenem Bekunden »Rumpelpolka«, und zum Konzept gehört ein komplett durchgestyltes Retro-Image, entsprechende Kostümierung bei Auftritten und Pseudonyme wie Pawel Kowalczik (Skopalik) und Franz Förster (Maike).

Die junge Truppe »Mondo MashUp Soundsystem«, nicht ganz vollständig. Foto: Mondoversum.

Die junge Truppe »Mondo MashUp Soundsystem«, nicht ganz vollständig. Foto: Mondoversum.

Das »Mondo MashUp Soundsystem« ist eine wild gemischte Truppe von Twentysomethings. Die 13 Musiker bringen eine äußerst vitale Crossover-Mischung aus Reggae, Funk und Jazz, Soul und Rap live derart brodelnd über die Bühne, dass man über die Performerqualitäten der Band nur staunen kann. Damit überzeugten sie sowohl schon beim altehrwürdigen Krefelder Folklorefest als auch weit über die Grenzen Krefeld hinaus.

Es geht also weiter mit der Krefelder Musikszene, die sich jetzt schon seit fünf Jahrzehnten in einer für eine Stadt dieser Größe erstaunlichen Breite und im Einzelnen auch durchaus mit nennenswerten professionellen Erfolgen entwickelt hat.

KLAUS M. SCHMIDT

Literatur:
Hellfeier, Karpenkiel, Pudelko, Rommerskirchen: Wer beatet mehr? Die Live-Beat-Szene der 60er Jahre in Krefeld. Krefeld 2006.
Hellfeier, Karpenkiel, Pudelko, Rommerskirchen: Krefeld rockt die Siebziger. Die Live-Musikszene der 1970er Jahre in Krefeld. Krefeld 2010.
Beide Bände sind ein Muss für den Krefelder Musikfan. Sie sind zwar nicht mehr im Buchhandel, aber noch über die Autoren zu beziehen. Konatkt: info@musikszene-kr.de

Links:
Infoseite zu den beiden Büchern über die Krefelder Musikszene 
Lexikon der Krefelder Musikszene in diesem Jahrhundert.
Zusammenschluss Krefelder Bands, von denen die bekannteste das Mondo MashUp Soundsystem ist.
Musik-Index Krefeld