Die Scheuten´sche Bibliothek

Bald »Bewegliches Denkmal«?

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Die Scheuten’sche Bibliothek im Moltke-Gymnasium Krefeld. Foto: Ralf Janowski

Der Kaufmann Adam Wilhelm Scheuten (1753-1801) war ein frommer Mann, den die vom preußischen König proklamierte Glaubensfreiheit nach Krefeld gezogen hatte. Dass aber sein Name noch heute in mancher Menschen Mund ist, verdankt er weder seiner mennonitischen Frömmigkeit noch seinem Händchen für Händel. Die Bücher seiner Bibliothek haben überdauert und sein Gedächtnis bewahrt. Lange vor den Stein-Hardenbergschen Reformen, die staatliche Schulen im Geiste von Humboldts neuhumanistischem Bildungsideal anstießen, gründete Scheuten die Krefelder Lateinschule für Jungen, die auf einen geistlichen Beruf hinführte oder zu einem Universitätsstudium befähigen sollte. Die Konfession der Schüler spielte keine Rolle, die Lehrer jedoch sollten reformierten Glaubens und mit hervorragenden Zeugnissen ausgestattet sein. Auf dem Stundenplan standen täglich zwei Stunden Latein, eine Stunde Mathematik sowie Geschichte und »Erdbeschreibung«.

Am »Neunzehnten Fructidor achten Jahres« (6. September 1800) verfasste Scheuten sein Testament »im Namen der Franken Republik«, denn Krefeld gehörte wie die gesamte Region links des Rheins seit 1792 zur Grande Nation. Darin vermachte er der Stadt Krefeld 15 000 Reichstaler und seine beachtliche Büchersammlung und verfügte, dass mit der Geldsumme unter Aufsicht der Landesregierung und des Reformierten Consistoriums der Stadt eine Schule errichtet werden sollte. Das Gebäude wurde errichtet und als Scheutensche Anstalt geführt und blieb bis 1851 die einzige Höhere Jungenschule der Stadt. 1915 errichtet August Biebricher das bis heute erhaltenen Schulgebäude am Moltkeplatz. Auf dem reichen Bücherbestand, der im Laufe der Zeit durch Schenkungen, und Lehrbücher stetig anwuchs, fußte der erste »Historische“ Leseverein« Krefelds, der sich seit den 1840er Jahren für die Volksbildung stark machte: Einfache Bürger konnten Mitglied werden und so von der Bücherausleihe profitieren, die nach der Signierung der einzelnen Bände möglich wurde. Ständig wurden neue Bücher erworben.

Man vermutet, dass ein Lehrer des Gymnasiums um die Jahrhundertwende den Bücherbestand erstmals handschriftlich katalogisierte. So lässt sich ersehen, dass er damals 6000 Titel umfasste. Wobei etwa einem Titel durchaus mehrere Werke zuzuordnen sind, und deshalb von einer weitaus größeren Bücherzahl auszugehen ist. Doch schon wenig später, in den 1930er Jahren, bekamen Begehrlichkeiten die Oberhand, die den für die Nachwelt aufschlussreichen Gesamtkorpus der Scheutenschen Bibliothek außer Acht ließen. So sicherte sich auch der Archäologe Albert Steeger Bände für ein künftiges Heimatmuseum. Während der Kriegswirren wurde ein Teil der Bücher in die Stadtbibliothek ausgelagert, ein anderer im Schulkeller in Sicherheit gebracht. Dort wurden die beschädigten Bücher in der Nachkriegszeit von Schülern entdeckt. In jenen Jahren wurde das Kontingent, das in der Stadtbibliothek lagerte, erneut aufgeteilt: Das Gros wurde an den ursprünglichen Standort zurückgebracht, aber bedeutende Werke wurden dem Kaiser Wilhelm Museum und dem Museum Burg Linn überlassen, wo sie bis heute verblieben.

Seit einigen Jahren bemüht sich die Leitung des Moltke-Gymnasiums, die weit verstreuten Buchbestände wieder zusammenzutragen und sie in begrenztem Rahmen zugänglich zu machen. Unter Federführung von Manfred Wüst wurde im Frühjahr 2007 die Übertragung des Findbuchs in ein Computerprogramm abgeschlossen. Nun gilt die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen der Neukatalogisierung des kostbaren Altbestands, dessen ältestes Werk aus dem Jahr 1536 datiert.

Wissenschaftler beim Landschaftsverband Rheinland erhoffen sich aus dem erfassten Ursprungsbestand der Bibliothek neue Hinweise auf den Menschen Adam Wilhelm Scheuten. Zudem geben die akribisch aufgelisteten Neuerwerbungen des Historischen Lesevereins seit 1840 in einzigartiger Weise Aufschluss über das damals entstehende Bildungsbürgertum in deutschen Landen. Aus diesem Grund wird erwogen, die Scheuten`sche Bibliothek zu einem beweglichen Denkmal zu erklären. Ein Förderverein unterstützt die andauernde Suche nach Tausenden noch verschollenen Büchern und wirbt um Paten für die Restaurierung beschädigter Bände. Ansprechpartner ist Manfred Wüst.

IRMGARD BERNRIEDER

 

weitere Infos:
Manfred Wüst: Die alte Bibliothek des Gymnasiums am Moltkeplatz. In »Die Heimat«, Krefelder Jahrbuch, Band 80/2009, S. 222 ff.