Der Niederrheinische Literaturpreis der Stadt Krefeld

Klaus Düsselberg 1991. Foto: privat

Klaus Ulrich Düsselberg 1991. Foto: privat

Ende der 80er Jahre hatte sich in Krefeld eine bemerkenswerte Literaturszene um den Drucker und Verleger Klaus Ulrich Düsselberg gebildet. Es gab zahlreiche Lesungen im Kaiser Wilhelm Museum und anderswo, die Literaturwerkstatt traf sich regelmäßig und die Zeitschrift »Literatur in Krefeld« erschien mehrmals im Jahr. Dazu stieß 1988 der Kinderbuchautor und Lyriker Henning Heske, der aus Düsseldorf nach Krefeld gezogen war, um hier sein Referendariat zu absolvieren. Er übernahm 1990 den Vorsitz der Bezirksgruppe Niederrhein im Verband deutscher Schriftsteller (VS) und kreierte die sogenannten offenen VS-Sitzungen an wechselnden Orten (u.a. Werkhaus, Stadtbücherei). Auf diesen Versammlungen kristallisierte sich heraus, dass die Literaturszene sich mehr Anerkennung und Förderung durch die Stadt wünschte. Es entstand die Forderung nach einem Literaturförderpreis, auch um selbstbewusst ein Gegengewicht zur Metropole Düsseldorf zu erzeugen und weiteren Abwanderungen von Autoren vorzubeugen. Als Vorsitzender übernahm Henning Heske im Frühjahr 1991 die Initiative und warb über Monate intensiv in Gesprächen bei der Stadt und den Ratsfraktionen sowie mit Artikeln und Interviews in den lokalen Medien für einen Krefelder Literaturpreis zur Förderung der Szene. Die übrigen Autorinnen und Autoren sowie vor allem Klaus Ulrich Düsselberg unterstützten diese Forderung nach Kräften.

Die Beharrlichkeit der Krefelder Literaturszene zahlte sich aus. Im Juli 1992 beschloss der Rat der Stadt die jährliche Verleihung des »Niederrheinischen Literaturpreises« an Autoren, Verleger oder buchgestaltende Künstler, die durch Tätigkeit, Wohnsitz oder thematische Bindung eine Beziehung zur Stadt Krefeld oder dem Niederrhein aufweisen. Der Preis war zunächst mit 10.000 Mark dotiert. In die Jury berufen wurden Klaus Ulrich Düsselberg als Verleger, Dr. Henning Heske als Schriftsteller, Dr. Theodor Pelster als Literaturwissenschaftler und Roland Schneider als Kulturdezernent. Als Literaturkritikerin wurde Sophia Willems später nachnominiert. Diese Besetzung wechselte dann im Laufe der Jahre. Die erste Preisträger war Andreas Mand, der Ende 1992 für seinen Roman »Grovers Erfindung« ausgezeichnet wurde, in dem er Erlebnisse aus seiner Kindheit in Krefeld eindrucksvoll verarbeitete. Es folgten Hubert Schirneck, Herbert Genzmer, Werner Ross und Herbert Sleegers. Mit Robert Steegers erhielt 1997 erstmals ein Lyriker den Preis. Erst im Jahr 2000 wurde mit der in Krefeld geborenen Schriftstellerin und Journalistin Elke Schmitter die erste Frau ausgezeichnet. Der Ort der Preisverleihung wechselte vom Kaiser Wilhelm Museum zum Rathaussaal. Aber auch der Rittersaal der Burg Linn und die Mediothek dienten gelegentlich als Ambiente der Feierlichkeiten. Der Preis erwarb sich rasch ein beachtliches Renommee. Die überregionale Presse berichtete verlässlich über die alljährliche Preisvergabe. Auch in der Stadt selbst fand der Literaturpreis den erhofften Anklang. Dazu trugen auch die Lesungen der Preisträger bei, die der langjährige Juryvorsitzende Theodor Pelster am Tag nach Preisverleihung in der VHS moderierte. 2008 erhielt mit Martin Heckmanns erstmals ein Dramatiker den Preis. Für Aufsehen sorgte 2010 die Tatsache, dass kein belletristischer Autor für auszeichnungswürdig erachtet wurde, sondern Reinhard Feinendegen und Hans Vogt für ihre Krefelder Geschichtsschreibung geehrt wurden. All das spiegelt die Vielfalt der ausgezeichneten Literatur wider.

Niederrheinischer Literaturpreis 2012: Kulturdezernent Gregor Micus, Ehefrau Elisabeth Trissenaar, der Preisträger Hans Neuenfels, Oberbürgermeister Gregor Kathstede und bei der Preisverleihung im Krefelder Rathaus (v.l.n.r.). Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

Niederrheinischer Literaturpreis 2012: Kulturdezernent Gregor Micus, Ehefrau Elisabeth Trissenaar, der Preisträger Hans Neuenfels, Oberbürgermeister Gregor Kathstede und bei der Preisverleihung im Krefelder Rathaus (v.l.n.r.). Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

Ein Höhepunkt war zweifelsohne die Verleihung des Preises 2012 an den gebürtigen Krefelder Regisseur Hans Neuenfels für seine Autobiografie. Bei der 22. Vergabe des Preises 2014 an Hans Pleschinski für seinen Düsseldorf-Roman »Königsallee« verlor die Jury den Grundgedanken des Niederrheinischen Literaturpreises allerdings aus den Augen. Es ist sehr zu wünschen, dass sie in den kommenden Jahren die Förderung der spezifisch niederrheinischen Literatur wieder schärfer in den Fokus nehmen wird. 2009 wurde die Preissumme auf 10.000 Euro verdoppelt. Nur drei Jahre später beschloss die Stadt jedoch, den Preis aufgrund finanzieller Engpässe nur noch alle zwei Jahre zu vergeben. Die Gesprächsreihe »Was macht eigentlich …?« mit ehemaligen Preisträgern, die seit 2012 in loser Folge im Niederrheinischen Literaturhaus Krefeld stattfindet, zeigtdeutlich, welchen großen kulturellen Gewinn die Stadt Krefeld hätte, wenn der Niederrheinische Literaturpreis wieder jährlich vergeben werden würde.

HENNING HESKE

Literatur:
Theodor Pelster: »Ausgezeichnet!?« Der Niederrheinische Literaturpreis der Stadt Krefeld. Eine Dokumentation. Verlag Joh. van Acken, Krefeld 2009.
Waltraud Fröchte: »Niederrheinischer Literaturpreis 2012 für Hans Neuenfels«. In: »Die Heimat«, Krefelder Jahrbuch, Band 84/2013, S. 92

Die Preisträger des Niederrheinischen Literaturpreises