Haus Esters und Haus Lange – Gärten für die Kunst

Der Zugang zu den Gärten von Haus Esters und Haus Lange ist kostenlos. Von der Wilhelmshofallee führen zwei geschwungene Wege durch die vorgelagerten Grünflächen zu den beiden von Mies van der Rohe zwischen 1928 und 1930 geplanten und errichteten Wohnhäusern Hermann Langes (rechts) und Dr. Josef Esters (links), und von dort in die rückseitig gelegenen Gärten. Tatsächlich fristen diese seinerzeit vom Architekten mitkonzipierten Grünanlagen »im Bewusstsein der Bevölkerung« eher ein im wahrsten Sinne des Wortes »Schattendasein« (Spelberg), was nicht allein an den inzwischen gewaltigen Baumkronen der einstmals gepflanzten Bäume liegt. Aus gartendenkmalpflegerischer Sicht war hier dringender Handlungsbedarf gegeben, weil die üppige Bewachsung, anders als von Mies van der Rohe konzipiert, sämtliche Blickachsen von den Häusern in die Gärten und gleichermaßen von dort zurück verunklärten. Doch nachdem sie im Rahmen der »Euroga2002plus« weitgehend in ihren Originalzustand zurück versetzt worden sind, können sich Architektur und Gärten erneut in schöner Pracht entfalten – und mit ihnen ein Ensemble von inzwischen 10 hochwertigen Außenskulpturen.

Einladungskarte (Vorderseite) Eröffnung Museum Haus Lange, 1955. Foto: Volker Döhne

Einladungskarte (Vorderseite) Eröffnung Museum Haus Lange, 1955. Foto: Volker Döhne

Nachdem Haus Lange der Stadt 1954 kostenlos zur Museumsnutzung angeboten worden ist, finden hier seit 1955 unter Einbeziehung des Gartens Ausstellungen statt. So eröffnet Paul Wember, damaliger Direktor der Krefelder Museen, im September 1956 die Ausstellung »Berto Lardera«, dessen Skulptur »Sculpture à trois dimensiones II« von 1949/50 erst unlängst wieder (11/2013) an den ihr seinerzeit zugedachten Ort am Rande der Terrasse von Haus Lange zurück gekehrt ist. 1961 lässt Yves Klein dann seine Feuerfontäne in den Himmel steigen, wohingegen Richard Long 1969 einen rund 12 Meter großen und 25 cm hohen Rasen-Kreis für den Garten entwickelt. Dieses frühe Werk der Land Art ist die älteste, dauerhaft am Ort verbliebene Arbeit im Park der Mies van der Rohe Villen, von denen Haus Esters dann ab 1981, nachdem es bereits 1976 der Stadt zu günstigen Bedingungen verkauft worden ist, ebenfalls als Museum inklusive Garten zur Verfügung steht. Nach und nach finden weitere Arbeiten, wie Ulrich Rückriems »Granit, gespalten und geschnitten« von 1985, Richard Serras zweiteilige Stahlkuben »Elevations for Mies« von 1985-88 oder Ludger Gerdes »ICHS« aus dem Jahr 1989 in Folge von Ausstellungen den Weg dauerhaft in die kleine Parkanlage. Sie treten, wie später auch Thomas Schüttes gewaltige »Bronzefrau Nr. II« aus dem Jahr 2000 im Trockenhof von Haus Esters oder Michael Craig-Martins knapp 3 Meter hohes »Gate (white)« von 2011, eingebunden in das Grün und sorgsam an ausgewählten Stellen platziert, in einen wunderbaren Dialog mit der Architektur.

KIK-Haus Lange Esters II Kopie

Claes Oldenburg – Cross-Section of a Toothbrush with Paste in a Cup on a Sink: Porträt of Coosje`s Thinking, 1981 – 83, Stahl, farbig gefasst, 600 x 280 x 17 cm, Haus Esters, SLg.Kunstmuseen Krefeld. Foto: Ralf Janowski

Der vergleichsweise geringe Bekanntheitsgrad der beiden Schatzkästchen Haus Lange und Haus Esters mitsamt ihren Gärten und Skulpturen beruht in ihrer Abgelegenheit nordöstlich des Stadtzentrums, für die sich die beiden geschäftsführenden Direktoren der Vereinigten Seidenwebereien Lange und Esters Anfang des 20. Jahrhunderts entschieden haben. Van der Rohes Architekturen passten sich damals perfekt in die noch wenig bebaute Umgebung ein, rot geklinkert und wesentlich breiter, als hoch gelagert. Noch heute schmiegen sich die beiden zurückliegenden Bauten in die umgebende Begrünung ein, bescheiden in ihrer Erscheinung und dabei zugleich von beeindruckendem Wert. Allein die große Arbeit »Cross-Section of a Toothbrush with Paste in a Cup on a Sink: Porträt of Coosje`s Thinking«, genannt »Zahnbürste«, von 1981/83 im Vorgarten von Haus Esters, ist ein deutlicher Hinweis auf die Nutzung der Architekturen. Der Straße zugewandt und gut sichtbar erlaubt diese 6 Meter hohe Arbeit des Pop-Artisten Claes Oldenburg, wie auch Lawrence Weiners am oberen Gebäuderand angebrachtes konzeptuelles Werk »Spannung genug / einen Stein zu halten / über dem Rhein« von 1985 Rückschlüsse auf den musealen Charakter der Häuser, der sich zudem an der stählernen Bodenarbeit »Metrical (Romanesque) Construction in 5 Masses and 2 Scales VI« von David Rabinowitsch ablesen lässt. Diese tonnenschwere Skulptur von 1977 – 78 vor Haus Esters erinnert gewichtig und im Kontext mit den übrigen Außenskulpturen daran, dass die Häuser von Mies van der Rohe mit ihren Gärten seinerzeit zwar als private Wohnhäuser geplant worden sind, doch früh schon sich als Orte der Kunst anbieten. Der Weg zu diesen architektonischen Meisterwerken, wie auch der Zugang zu den Gärten von Haus Lange und Esters frei ist. Man muss ihn nur nutzen.

Werkangabe: Eröffnung Museum Haus Lange 1955, Einladungskarte. Claes Oldenburg – Cross-Section of a Toothbrush with Paste in a Cup on a Sink: Porträt of Coosje`s Thinking, 1981 – 83, Stahl, farbig gefasst, 600 x 280 x 17 cm, Haus Esters, SLg. Kunstmuseen Krefeld. Ulrich Rückriem, »Granit, gespalten und geschnitten«, 1985, Granit (Bretagne), 256 x 115 x 118 cm, Slg. Kunstmuseen Krefeld.. Foto: Ralf Janowski

CHRISTIAN KRAUSCH

 

Literatur:
Eine ältere Broschüre informiert über alle Skulpturen mit Ausnahme der im Jahr 2013 platzierten Arbeiten von Michael Craig-Martin und Berto Lardera. Skulpturen für Krefeld I, Krefeld 1989 (Katalog zur Ausstellung im KWM vom 3.9. – 22.10.89) Schwerpunk Skulptur. Katalog zur Ausstellung im Kaiser Wilhelm Museum 1992, Krefeld 1992. Almut Spelberg – Die Gärten an Haus Lange und Haus Esters. Eine gartendenkmalpflegerische Untersuchung. In die Heimat 64/1993, S. 74ff Julian Heynen – Ein Ort, der denkt. Haus Lange und Haus Esters von Ludwig Mies van der Rohe, Krefeld 2000. 

Ulrich Rückriem, »Granit, gespalten und geschnitten« von 1985. Foto: Ralf Janowski

Ulrich Rückriem, »Granit, gespalten und geschnitten«, 1985, Granit (Bretagne), 256 x 115 x 118 cm, Slg. Kunstmuseen Krefeld.. Foto: Ralf Janowski