Photographie in Krefeld: von den Piktorialisten zur Becher-Schule

Maywald, Errell, Relang, Orlopp, Ronkholz, Monheim – die Liste berühmter Photographen, die einen biographischen Bezug zu Krefeld aufweisen, ist lang. Ist Krefeld also eine Stadt der Photographie? Immerhin haben einige bedeutende Photographenkarrieren ihren Anfang in Krefeld genommen. Das hat im wesentlichen drei Gründe: die Existenz der Kunstgewerbe- und späteren Werkkunstschule, die Nähe zu Düsseldorf mit seiner Kunstakademie und Werbewirtschaft und die Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit der Kunstmuseen in Krefeld.

Wann genau die neue, 1839 in Paris offiziell vorgestellte Technik der Bilderzeugung Krefeld erreichte, ist unbekannt. Die anfangs als neue künstlerische Methode zur realistischen Erfassung der Welt gefeierte Photographie entwickelte sich schnell zu einem rationellen Verfahren für die massenhafte Bilderproduktion. Das 1866 erschienene »Allgemeinen Adress-Handbuch ausübender Photographen von Deutschland, den österreichischen Kaiserstaaten, der Schweiz und den Hauptstädten der angrenzenden Länder« verzeichnete für Krefeld drei Photographische Ateliers, für Mönchengladbach drei, für Düsseldorf sechs und für Köln sogar 23. Ihre Zahl nahm bis 1900 rasant zu, die Nachfrage nach Portraitphotos war gigantisch: in jeder Familie füllten sich die Alben. Doch je professioneller die Studiophotographie wurde und je preiswerter ihre Ergebnisse, desto mehr geriet sie in die Kritik, statt künstlerischer Bildnisse nur standardisierte Posen zu produzieren.

Heliogravure von Otto Scharf, Rheinstraße 1899.

Heliogravure von Otto Scharf, Rheinstraße 1899.

Eine künstlerische Erneuerung des neuen Mediums kam um die Jahrhundertwende nicht von Seiten der Berufsphotographen, sondern es waren ambitionierte Vertreter der aufblühenden Amateurphotographie, die neue Wege bei der photographischen Bilderzeugung beschritten. Einer dieser so genannten Piktorialisten war der Krefelder Otto Scharf (1858-1947). Seit 1888 als Turnlehrer an einem Krefelder Gymnasium tätig, widmete er sich in seiner Freizeit ganz der Photographie und war mit seinen Heliogravuren und Gummidrucken um 1900 weltweit auf Ausstellungen und in Fachzeitschriften präsent. Erst 1979 widmete ihm das Kaiser Wilhelm Museum eine kleine Retrospektive.

Das Malereistudium an der Krefelder Kunstgewerbeschule der 20er Jahre war Ausgangspunkt für die Karrieren zweier Pioniere der Modephotographie. Der Klever Hotelierssohn Willy Maywald (1907-1985) zog anschließend nach Paris und wurde in den 40er bis 60er Jahren nicht nur Hausphotograph bei Christian Dior, sondern ein bedeutender Portraitist der Pariser Künstler- und Intellektuellenszene. Bei Besuchen im heimatlichen Kleve schuf er berühmte Portraits des jungen Joseph Beuys. Die aus einer Künstlerfamilie stammende Regina Lang studierte Malerei in Krefeld und wurde mit dem Künstlernamen Regina Relang (1906-1989) nach 1945 die einflussreichste deutsche Modephotographin. Der in Duisburg-Rheinhausen aufgewachsene Peter Brodbeck machte 30 Jahre später unter dem Namen Peter Lindbergh (geb. 1944) eine ähnliche Karriere vom Studenten an der Werkkunstschule bis zum gefeierten Weltstar der Modephotographie.

Über Umwege kam auch der Krefelder Kaufmannssohn Richard Levy an die Photographie. Nach einer Ausbildung zum Schaufensterdekorateur in Düsseldorf nannte er sich Richard Errell (1899-1992), wurde er einer der Pioniere der Werbegrafik in Deutschland und – nach seiner Emigration – auch in Israel. Er experimentierte mit Photocollagen und arbeitete immer wieder auch als Reportagephotograph.

Rheinstraße 1990. © Volker Döhne

Rheinstraße 1990. © Volker Döhne

Die Lehrtätigkeit des Photographenpaares Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie strahlte ab den 70er Jahren auch auf Krefeld ab. Zur ersten Generation ihrer Studenten gehörte die Krefelderin Roswitha »Tata« Ronkholz (1940-1997). Bevor sie schon 1985 mit dem Photographieren aufhörte, schuf sie umfangreiche Bilderserien über Kioske, Schaufenster, Industrietore und über das Düsseldorfer Hafengebiet. Zur ersten Generation der Becher-Studenten gehört auch Volker Döhne (geb. 1953). Hauptberuflich als Buchgestalter und Museumsphotograph bei den Kunstmuseen Krefeld tätig, schuf er kontinuierlich umfangreiche Bilderserien über Stadtlandschaften, Straßen und Bahnstrecken. Die prominentesten Vertreter der inzwischen als »Düsseldorfer Photoschule« bezeichneten Becher-Schüler, Andreas Gursky (geb. 1955) und Thomas Ruff (geb. 1958), sind seit Beginn ihrer internationalen Karriere mit wichtigen Werkgruppen in der Sammlung der Krefelder Kunstmuseen vertreten.

Ein äußerst eigenständiges und international beachtetes Werkentwickelte in rund sechs Jahrzehnten Detlef Orlopp (geb. 1937) mit seinen Bildern von Landschaftsoberflächen. Orlopp hatte in der 50er Jahren bei Otto Steinert studiert und lehrte selbst rund 30 Jahre als Photographiedozent und Professor am Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein. Seine ehemalige Studentin Christel Kremser (geb. 1945) dokumentiert mit ihren Doppelportraits und Portraitserien die mehr und mehr verschwindenden traditionellen Milieus von Handwerkern, Bauern, Händlern und Ordensschwestern. Eine ebenfalls autonome Position nimmt Florian Monheim (geb. 1963) ein. Der Sohn eines Architekten studierte Grafik und Fotodesign und zählt heute zu den renommierten Architekturphotographen Deutschlands.

HELGE DRAFZ