Haus der Seidenkultur 

Das sanierte Haus ist sprichwörtlich größer geworden

Webstuhl, handbetrieben. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- Nr. 24893:1938, Fotograf G.H. Schmitz

Webstuhl, handbetrieben. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- Nr. 24893:1938, Fotograf G.H. Schmitz

Das Haus der Seidenkultur (HdS) ist die vormals weltbekannte Paramentenweberei Hubert Gotzes; heute ein Industriedenkmal, das als lebendiges Museum in Krefeld geführt wird, wo altes Textilhandwerk gezeigt und die spannenden Geschichten der Samt- und Seidenstadt erzählt werden.

Gebaut wurde das »Vierfensterhaus« (= vier Fenster in der 1. Etage) bereits 1868 im einst noblen Krefelder Kronprinzenviertel an der Luisenstraße 15, nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Im Hinterhaus wurde von Anbeginn eine Weberei mit hölzernen Jacquard-Handwebstühlen eingerichtet.

1908 fand ein Besitzerwechsel statt, weil Bauherr Gottfried Diepers Geld für die anstehende Selbständigkeit einer seiner Söhne benötigte. Der neue Besitzer, Hubert Gotzes, übernahm die Immobilie mit Weberei zu einer Zeit, wo in Krefeld die Hand- zunehmend durch mechanische Webstühle ersetzt wurden. Aber eben genau diese alten Webstühle benötigte Gotzes für die Herstellung von Priestergewändern und Stoffen, die unter dem Sammelbegriff »Paramente« – kommt aus dem lateinischen und heißt übersetzt soviel wie »den Tisch des Herrn bereiten« - geführt werden. Die ersten Aufträge kamen zunächst von den katholischen Priestern aus der umliegenden Nachbarschaft.

Weil Hubert Gotzes klar war, dass er auf Dauer nicht nur von den Aufträgen aus der Umgebung leben konnte, schickte er 1914 einen seiner Söhne, Hubert Gotzes jun., nach Chicago in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo die kleine Krefelder Paramentenweberei eine Filiale errichtete. Und dort in Chicago sollte es 1926 zum weltweiten Durchbruch der Weberei kommen, die sich selbst im Umfeld des Vatikans einen Namen machte. Was genau in Chicago geschah, ist ein spannender Bestandteil der Führung durch das heutige Museum, wo bis 1992 produziert wurde.

Erwin Maus, der letzte Besitzer der Paramentenweberei, meldete 1992 sein Unternehmen als Wirtschaftsbetrieb ab. Doch für Maus war klar: »Ich steige nicht eher ins Grab, bis ich die Gewissheit habe, dass dieses einmalige Ensemble Krefelder Textilarchitektur der Nachwelt erhalten bleibt.«. Alte Webstühle sind zwar vieler Orts zu sehen, aber an authentischer Stätte ist dies in einem Websaal mit hölzernen Jacquardhandwebstühlen europaweit nur in Krefeld möglich.

So kam es schließlich dazu, dass im Jahr 2000 die Sparkassenstiftung Krefeld etwas und die NRW-Stiftung etwas mehr Geld zusammenlegten, die Immobilie erwarben und einem Förderverein mit der Maßgabe übereigneten, dieses Industriedenkmal als Museumsbetrieb zu führen, wo lebendig an die Textilkultur der Samt- und Seidenstadt erinnert wird.

Dies geschieht in erster Linie während einer zweistündigen mehrstufigen Führung durch das sanierte Haus der Seidenkultur (HdS), das nach der Wiedereröffnung im April 2014 im wahrsten Sinne des Wortes größer geworden ist. Im Mittelpunkt steht der Besuch des nostalgischen Websaals, wo die Handwebmeister den alten, wieder voll funktionsfähigen Maschinen ein beeindruckendes »Schipp-Schapp« im Sechs-Achtel-Takt entlocken.

Im »Technischen Atelier« werden den Besuchern die (mittlerweile ausgestorbenen) Berufsbilder des Musterzeichners, Patroneurs und Kartenschlägers erklärt.

Der ganze Glanz und Prunk, der einst von den noblen Priestergewänden ausging, wird in einer Prozessionsanordnung deutlich, die vor der Kulisse von Alt-Krefeld aufgebaut wurde. Unter dem kirchlichen Baldachin spiegeln die Farben der Brokat-Gewänder die Vielfalt des katholischen Kirchenjahres wieder.

Die Geschichte der Krawatte wird im Konfektionsgang des Museums erzählt. Der Besucher sieht, wie eine Krawatte konfektioniert wird, und erfährt, dass in den 50er Jahren die meisten Krawatten in Krefeld in Heimarbeit erstellt wurden und einmal jeder zweite Binder in der Seidenstadt zugeschnitten wurde.

Weiteres Highlight im HdS ist der Besuch der jeweils aktuellen Wechselausstellung. Bis zum 1. Februar 2015 werden dies die »Zeitsprünge Edler Seiden« sein, die Mitte Februar durch gewebte Geschichten der chinesischen Miao-Seidenkultur abgelöst werden.

Über den Besuch des Museums hinaus bietet das HdS zahlreiche Erweiterungs-programme an wie z.B. einen »Stadtspaziergang auf seidenen Pfaden«. Dabei ist es Ziel, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Textilstadt miteinander zu verknüpfen. Eigens für Kinder und Jugendliche entwickeln die Museums-pädagoginnen stets neue Workshops und Führungen, die in enger Zusammenarbeit mit den Kindergärten und Schulen abgestimmt werden. Auch hier sind im HdS – bis auf wenige Ausnahmen – einmal mehr ehrenamtliche Kräfte am (Kultur-)Werk.

Dass sich das Haus der Seidenkultur heute aus der Sicht der Presse »als modernes Museum präsentieren kann«, danach sah es im September des Jahres 2012 nicht aus. Im Gegenteil: Über Nacht wurde die Einrichtung behördlich für den Publikumsverkehr geschlossen, weil dringende Maßnahmen des Brandschutzes umzusetzen waren. Brandschutzmaßnahmen – umgesetzt in einem Haus von anno 1868 -, das ging zwangsläufig mit Maßnahmen der Sanierung einher. Eine erste Hochrechnung ergab, dass der kleine Förderverein für die anstehenden Aufgaben mal eben rund 340.000 Euro aufzuwenden hatte. Da hatten viele der Ehrenamtler gedacht: »Das war’s!«.

Aber dann hat der Vorsitzende des Fördervereins, Hansgeorg Hauser, seines Zeichens erfolgreicher Unternehmer in Krefeld, etwas unternommen: Zunächst wurde über die Medien ein Spendenaufruf an die Bevölkerung gerichtet. Und der Appell, dass der einzigartig in Europa erhaltene Jacquardhandwebsaal für die Nachwelt zu erhalten sei, fiel auf fruchtbaren Boden.

Bereits im ersten Anlauf setzte eine Spendenflut ein: Angefangen von Kleinstspenden, die von Kinder und Jugendlichen kamen, die in der Vergangenheit mit ihren Schulen und Kindergärten das HdS besucht hatten. Eine Zahnärztin aus der Nachbarschaft ließ das Zahngold ihrer Patienten einschmelzen und spendete damit 10.000 €; der größte Krefelder kulturtreibende Verein finanzierte mit einer Spende von 26.000 € die neues Fundamente des Museums.

Am Ende des erfolgreichen Sanierungsabschlusses kommentierte die Presse: »Das Haus der Seidenkultur, bislang ein eindrucksvolles, leicht verstaubtes Industriedenkmal mit dem Charme des Provisorischen, wird als Museum neu eröffnet!«. An dieser Stelle bewahrheitet sich einmal mehr die niederrheinische Erkenntnis: »Nichts ist so schlecht, dass es nicht für irgendetwas wieder gut ist!«. Und somit ist das Haus der Seidenkultur in der heutigen Krefelder Kulturlandschaft wieder gut und zukunftsträchtig aufgestellt.

DIETER BRENNER