Umstrittene Dependance

Wie aus der Villa das Kunst-Haus Lange wurde

Traglufthalle – Die Künstlergruppe Haus Rucker-Co umhüllte Haus Lange zu seiner Eröffnung als Kunst-Museum mit einer Traglufthalle. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotograf: Hein Engelskirchen

Traglufthalle – Die Künstlergruppe Haus Rucker-Co umhüllte Haus Lange zu seiner Eröffnung als Kunst-Museum mit einer Traglufthalle. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj,- Nr. 33920, Fotograf: Hein Engelskirchen

Gedämpft reagierten Krefelder Politiker 1955 auf Dr. Ulrich Langes Angebot, jenes Haus, das Mies van der Rohe 1928 für seinen Vater Hermann Lange an der Wilhelmshofallee errichtet hatte, als Gebäude für Ausstellungen moderner Kunst zur Verfügung zu stellen. Wohlgemerkt: Miet- und Zinsfrei für zehn Jahre! Auch Museumschef Paul Wember überraschte Langes Vorschlag, aber im Gegensatz zu den meisten Politikern freute ihn dieses mögliche neue Spielfeld. Und versteht die Frage selbst wohlmeinender Mitglieder des Kulturausschusses nicht, die da lautet: »Wollen Sie das Museum am Karlsplatz umgebaut oder Haus Lange?« Seine unumwundene Antwort: Haus Lange!

Die Stadt wollte den längst überfälligen Umbau des Kaiser Wilhelm Museums erst in Angriff nehmen, wenn dessen Finanzierung gesichert sein würde. Dafür sollten im städtischen Etat jährlich 100.000 Mark zurückgelegt werden. Angesichts dieser ungewissen Zukunft des Hauses am Karlsplatz fiel schließlich mit knapper Mehrheit die politische Entscheidung, Dr. Langes Angebot anzunehmen.

Christo überzog Haus und Garten der Mies van der Rohe Villa mit langen Stoffbahnen. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- Nr. 33919

Christo überzog Haus und Garten der Mies van der Rohe Villa mit langen Stoffbahnen. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- Nr. 33919

Wember wertet diesen Schritt in seiner Rückschau als außerordentlich folgenreich für das Kunstgeschehen in Krefeld. Schließlich meint er, dass die Ausstellungen im Haus Lange in den 60er Jahren ausschlaggebend waren für den hohen Stellenwert Krefelds unter den rheinischen Kunststätten. »Um ein Vielfaches lebendiger und bekannter« seien sie gewesen, als dies im nicht umgebauten Kaiser Wilhelm Museum denkbar gewesen wäre. Die dortige Raummisere erzeugte eine wachsende Unlust an der Arbeit.
Das Ausstellungsprogramm aber lief – für fünf Jahre parallel – weiter. Die Niederrhein-Ausstellung im Kaiser Wilhelm Museum brachte dem Museumsleiter viel Ärger ein, weil Krefelder Künstler sie zum Anlass nahmen, ihre Unzufriedenheit mit der Museumspräzenz lokaler Künstler zum Ausdruck zu bringen. Auch die Gedächtnisausstellungen für die verstorbenen Künstler Böttcher, Hehl, Kamps und Kempkes, veranstaltet zum zehnjährigen Bestehen der Künstlergruppe 45, konnte sie nicht beschwichtigen. »Es genügte nicht«, notiert Wember, »weil niemand begriff, dass man Kunst schließlich nicht ändern kann.«

Am 1. August 1960 wurde das Kaiser Wilhelm Museum geschlossen. Eine Reihe Aufsehen erregender Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im Haus Lange ließen das architektonische Schmuckstück an der Wilhellmshofallee zum Treffpunkt Kunstinteressierter von nah und fern werden.

Museum Haus Lange, Gartenseite, in den 60igern. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- .Nr. 13721- 9866/ 27

Museum Haus Lange, Gartenseite, in den 60igern. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- .Nr. 13721- 9866/ 27

Die örtliche Presse freilich beäugte Wember mit Unverständnis. Als er Yves Klein und Arman mit überwältigend positiver überregionaler Resonanz zeigte, machten sich Artikel in den Lokalausgaben über ihn und moderne Kunst lustig. Alberto Burris Sack-, Holz-, Eisen- und Kunststoffbilder sorgten im Mai und Juni 1959 für den ersten öffentlichen Skandal im Krefelder Kunstleben. In anhaltenden Leserbrief-Lawinen entluden entsetzte Krefelder Bürger Unverständnis und Ablehnung gegenüber zeitgenössischen Kunstwerken. Erst ein Jahr darauf befriedete die Gedächtnisausstellung mit Gemälden und Hinterglasbildern Heinrich Campendonks die öffentliche Meinung in der Stadt.

Das Museum am Karlsplatz war geschlossen, aber der Baubeginn verzögerte sich Jahr um Jahr. Geschickt provozierte Wember mit der Ausstellung »Historie + Moderne« Anfang 1964 eine öffentliche Debatte über Traditionspflege und die Öffnung gegenüber aktuellen Tendenzen. Und mit den beiden Schauen »Kunstwerke aus Krefelder Privatbesitz« und »Krefelder Privatsammlungen« erinnerte er die Stadtväter an die öffentliche Verpflichtung der Stadt, angemessene Ausstellungsräume zur Verfügung zu stellen. Doch die Situation verbesserte sich nicht, ja es kam noch schlimmer: Auch Haus Lange blieb ab August 1966 geschlossen, weil die Übernahme-Verhandlungen zunächst ergebnislos verliefen. Kunst in Krefeld unbehaust!

IRMGARD BERNRIEDER

Siehe auch: »Häuser für die Kunst« und »Gärten für die Kunst« von Christian Krausch.