Kein Platz für Kunst

Zur Ausstellungsgeschichte des Kaiser Wilhelm Museums (2)

Die Welt war aus den Angeln in den ersten Nachkriegsjahren. Bomben hatten auch in Krefeld ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche gelegt.

Blick von Kirchturm der Dionysiuskirche auf die 1943 durch Bomben zerstörte Krefelder Innenstadt Im Hintergrund das weitgehend unzerstörte Kaiser Wilhelm Museum. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- Nr. 74/9-14

Blick von Kirchturm der Dionysiuskirche auf die 1943 durch Bomben zerstörte Krefelder Innenstadt Im Hintergrund das weitgehend unzerstörte Kaiser Wilhelm Museum. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- Nr. 74/9-14

Das Kaiser Wilhelm Museum aber blieb inmitten allgegenwärtiger Zerstörung weitgehend intakt. Rechte Freude mochte aber unter den Krefelder Kunstfreunden nicht aufkommen,  denn das Haus der Kunst war fürs Erste fremdbelegt: Das Steueramt, die Kämmerei und die Stadtkasse, Presse- und Kulturamt wurden wegen der herrschenden Raumnot im Museum untergebracht. Sitzungszimmer der Ratsparteien, das Heimatmuseum und das Collegium Musicum machten sich am Karlsplatz breit. An ein Wiedersehen mit der kriegsbedingt ausgelagerten Museumssammlung war zunächst nicht zu denken, selbst Raum für Wechselausstellungen zu schaffen, fiel in dem überfüllten Gebäude schwer. Dach und Fenster des Museums waren zwar undicht, das aber schreckte die Kunstinteressierten nicht ab, in hellen Scharen in Vorträge über Kunst zu strömen.

Die »progressive« Künstlergruppe 45 zeigte im Sommer 1946 eine erste Ausstellung. Eine »konservative« Künstlervereinigung tat es ihr gleich. Es galt anzupacken. Der Museumsverein nahm wieder einmal das Heft in die Hand und präsentierte die Ausstellung »Expressionismus in Malerei und Plastik«. Paul Wember hatte diese Schau im Vorfeld seiner Bewerbung gesehen und bewundert. Später schrieb er: »Es war mit einem Schlag der Nachholbedarf dessen, was man 12 Jahre lang vermißt hatte. Die Epoche war historisch, die Arbeiten aber wirklich wie neu und gegenwärtig.« Teile der Krefelder Bürgerschaft sahen das ganz anders. Sie machten kein Hehl aus ihrer Ablehnung moderner Kunst. Für Wember blieb »der Kampf um den Platz der Kunst im Leben der Gesellschaft« auch nach der nationalsozialistischen Barbarei Thema. Er sollte seine Ägide als Museumsdirektor prägen.

Die beiden kommissarischen Leiter – Kulturamtsleiter Janssen und der Archäologe Albert Steeger – taten sich im Frühsommer 1947 in der Ausstellung  »Niederrheinische Gläser und Glasmalereien« zusammen und stießen damit auf einhellige Zustimmung der Besucher. In der letzten Ausstellung der Interimszeit wurden Plastiken und Zeichnungen des im Krieg gefallenen Krefelder Bildhauers Günter von Scheven gezeigt.

Nachholbedarf bestimmte die Museumsarbeit von Paul Wember, der sein Amt am 1. Oktober 1947 antrat. Der neue Museumsmann hatte gleich zu Anfang ein Jubiläum zu stemmen: das 50-jährigen Bestehen seines Hauses. Er nutzte den Repräsentationswillen der Politiker und konnte im Rahmen der Jubiläumsaktivitäten einige Räume im Museum für die Kunst zurückerobern. In der Geburtstagsausstellung waren erstmals seit der Auslagerung wieder wichtige Kunstwerke der Museumssammlung zu sehen. Sie wurden von den Krefeldern begeistert willkommen geheißen. Gleichzeitig stellte Wember Arbeiten von Karl Schmidt-Rottluff vor, des expressionistischen Künstlers, der schon in der Kunstwelt der 1920er Jahre eine wichtige Rolle gespielt hatte und in der Nachkriegs-Gegenwart wieder Beachtung fand. So unterstrich der Kunsthistoriker die positiven Kunst-Kontinuitäten, die das »Tausendjährige Reich« unkorrumpiert überdauert hatten.

IRMGARD BERNRIEDER

 

Architektur-Ausstellungen im KWM

Die kriegszerstörten Städte in Deutschland und Probleme ihrer baulichen Erneuerung rückten moderne Architektur in den Mittelpunkt der Kunstwelt. Auch am Kaiser Wilhelm Museum kam die moderne Architektur als neues Aufgabenfeld zur Museumsarbeit hinzu.

Theodor Heuss im Kaiser Wilhelm Museum 1951 anlässlich der Poelzig-Retrospektive. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.-Nr.10673-2396/1-12

Theodor Heuss im Kaiser Wilhelm Museum 1951 anlässlich der Poelzig-Retrospektive. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.-Nr.10673-2396/1-12

Die erste Ausstellung war dem Architekten Domenikus Böhm gewidmet und wurde viel beachtet. Später folgten die Ausstellungen »Krefeld im Wiederaufbau« und August Biebricher. Die Hans-Poelzig-Retrospektive  wurde zu einem unerwarteten Höhepunkt: Theodor Heuß eröffnete die Ausstellung seines verstorbenen Freundes, und dessen namhafte Schüler Rudolf Schwarz, Egon Eiermann, Werner Tamms und F.G. Winter wohnten der Vernissage bei. Die Ausstellung über das Werk Le Corbusiers im Jahre 1958 brachte mit 10 000 Besuchern ein Rekordergebnis. (ibe)