»Kann das Kunst sein?«

Gegenwartskunst im Museum

»Heute möchten wir jeweils avantgardistische Kunst zu einer Manifestation des Gegenwartschaffens vereinigen. Wir möchten die jeweils jüngste Entwicklung zeigen, durch Erwerbungen und durch Ausstellungen, bevor sie geklärt und historisch geworden ist. Dies birgt Risiken in sich, die aber zugunsten der Lebendigkeit in Kauf genommen werden. So kann man schließlich auch eine Wandlung des Museums konstatieren. Die Museen öffnen sich immer weiter dem Schaffen der Gegenwart und lassen sich dabei von einem progressiven Geist durchdringen. Letztlich möchten wir durch unsere Arbeit dazu beitragen, eine Übereinstimmung zwischen Kunst und Gesellschaft herbeizuführen. « (Paul Wember)

Kaiser Wilhelm Museum, Ausstellungssaal, um 1970. Foto: Schambach & Pottkämper

Kaiser Wilhelm Museum, Ausstellungssaal, um 1970. Foto: Schambach & Pottkämper

Wer zog die Fäden, als das Rheinland sich in den 1960er Jahren anschickte, für Jahrzehnte zur bedeutendsten Kunstregion neben New York aufzusteigen? Walter Grasskamp stellt sich diese Frage in einem Essay des Bandes »Energien / Synergien«, der vor vier Jahren von der Kunststiftung NRW herausgegeben wurde. Darin kommt auch Johannes Cladders zu Wort, der unlängst hochbetagt verstorbene Museumsmann, dessen Umsicht und Gespür für zeitgenössische Kunst Mönchengladbach das Museum Abteiberg bescherte. Dieser war von 1957 bis 1967 bei Paul Wember am Kaiser Wilhelm Museum in die Lehre gegangen und stellt im Rückblick fest: »In Krefeld wusste man, was Kunst ist.« Aus Wembers Sicht mischten sich wohl eher zu viele kunsthistorisch nicht versierte Politiker und naive Laien in die Beurteilung von Kunst ein. Die Gedächtnisausstellung für Heinrich Nauen und speziell dessen Drove-Zyklus sorgte für einen Eklat, der in der Forderung von Ratsherren gipfelte, zwei Bilder abzuhängen. Des Volkes und der Politiker Zorn richtete sich wenig später auch gegen Arbeiten von Mataré und besonders von Lünenborg.

Paul Wember war sicher einer der erfolgreichsten Museumsleiter in jenem Nachkriegs-Wettbewerb der Museen, den Anschluss zur Kunst der 1930er Jahre herzustellen und gleichzeitig im In-und Ausland wichtige zeitgenössische Positionen von Kunst zu entdecken. Sichtlich machte ihm aber zu schaffen, dass er einerseits viel riskierte und sich durch positive Resonanz aus dem In-und Ausland bestätigt sah, andererseits aber die lokalen Angriffe gegen die Gegenwartskunst nie abrissen. Blumenthal, Trökes und Baumeister erregten die Krefelder Gemüter.

Heinz Trökes (1913 – 1997), Steilküste, 1954, Öl auf Leinwand, 67,5 x 121,5 cm, Slg. Kunstmuseen Krefeld. Foto: V. Döhne, Kunstmuseen Krefeld © VG BILD-KUNST, Bonn müssen Rechte eingeholt werden

Heinz Trökes (1913 – 1997), Steilküste, 1954, Öl auf Leinwand, 67,5 x 121,5 cm, Slg. Kunstmuseen Krefeld. Foto: V. Döhne, Kunstmuseen Krefeld © VG BILD-KUNST

Bitter konstatiert Wember in seiner Geschichte des Kaiser Wilhelm Museums auch: »In einem Provinzmuseum gelten andere Maßstäbe (als in Metropolen). Durch Erweiterung, Ergänzung, Abrundung, kurz durch Aktualität müssen Kunstfreunde immer wieder zu Interessenten gemacht werden.«  Alles in allem gesehen, sei dies immer schon der schwächste Punkt der Krefelder Museumsgeschichte gewesen. Der Ankaufsetat stehe im Missverhältnis zu den Aufgaben des Museums als Bildungsinstitution ebenso wie zu den Gesamtkosten.

Mit den geringen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, versuchte Wember nach der Währungsreform 1948,  Kunstwerke aus den 1930er Jahren zu erstehen, um vorhandene Sammlungsschwerpunkte auszubauen und zu arrondieren. Der Erwerb der Thorn Prikker-Fenster, der Nauen-Gemälde und der Campendonk-Bilder sowie der Ankauf von Arbeiten Helmuth Mackes und des Keramik-Nachlasses von Paul Dresler gehörten dazu. Weil es ihm um die Geschlossenheit der Sammlungen ging, musste Wember so manche Mark für noch ältere Kunst ausgeben, Romantiker-Zeichnungen etwa oder impressionistische Gemälde. Wembers Herz hing jedoch an der Gegenwartskunst und weil er 1953 und 1954 Blätter von Max Ernst, Yves Tanguy, Joan Miro, Laurens, Leger, Matisse und Picasso günstig erwerben konnte, nahm innerhalb der Sammlungen die Bedeutung der zeitgenössischen Graphik an Bedeutung zu.

IRMGARD BERNRIEDER

Literatur:
»Paul Wember und das Hyperaktive Museum«  Februar 2013, Herausgeber Kunstmuseen Krefeld Verlag: Verlag für moderne Kunst, Auflage: 200, ISBN-13 978-3869844213