Haus Esters und Haus Lange

Häuser für die Kunst

Mit Julian Heynen kommt 1981 ein Kurator an die Krefelder Kunstmuseen, dessen Programm sich bis heute noch an den von Mies van der Rohe Ende der 20er Jahre erbauten Stadtvillen und später als Museen genutzten Häusern Esters und Lange ablesen lässt. So ist Heynen, neben dem von 1975 bis 1999 amtierenden Direktor Gerhard Storck, mitverantwortlich für einen Teil der Außenskulpturen der beiden Häuser, wie sie heute die Grünflächen vor und hinter den Architekturen prägen. Wesentliches Merkmal der Arbeiten im Außenbereich ist dabei ihr Bezug zum Ort, ein Thema, das sich über die Jahre hinweg als roter Faden durch das Ausstellungsprogramm beider Häuser zieht. Schon 1981 widmet sich die Eröffnungspräsentation von Haus Esters unter dem Titel »Wohnen in einer neuen Zeit – Die Villen und Landhausprojekte von Mies van der Rohe« u.a. den Krefelder Architekturen, die bereits ein Jahr später von Daniel Buren und Michael Asher im Rahmen einer Doppelausstellung erprobt werden. Andere Künstler, wie Claes Oldenburg, nutzen Haus Esters 1986 als »Haunted Haus« (Geisterhaus), in dem banale Gegenstände mit der Architektur spielen. Noch heute scheint seine rund 6 Meter hohe »Zahnbürste« den Zugang von Haus Esters wie ein Wächter zu beherrschen.

In der Publikation »Ein Ort der denkt« aus dem Jahr 2000 resümiert Julian Heynen, kurz vor seinem Wechsel nach Düsseldorf, die große Zahl der Ausstellungen in Haus Esters und Haus Lange, die seit der Eröffnung beider Häuser auf einer »gegenseitigen Durchdringung, Ergänzung und Erhellung von Kunstwerk und Ausstellungsort« basieren. Mit Martin Hentschel, seit 2001 als Nachfolger von Gerhard Storck neuer Direktor der Krefelder Kunstmuseen, und auch mit Beate Ermacora, von 2002 bis 2005 als Nachfolgerin von Julian Heyen tätig, bleibt dieses Prinzip der ortsspezifischen Präsentationen gültig. Dabei verlagert Hentschel den Schwerpunkt auf die Malerei, etwa bei Eric Fischel`s »The Krefeld Project« von 2004 sowie auch im Rahmen der retrospektiven Ausstellung von Richard Allen Morris im selben Jahr.

Blick in die Ausstellung Eric Fischl, The Krefeld Project, Museum Haus Ester, 12.10.2003 - 25.01.2004. Foto: Volker Döhne

Blick in die Ausstellung Eric Fischl, The Krefeld Project, Museum Haus Ester, 12.10.2003 – 25.01.2004. Foto: Volker Döhne

Beate Ermacora dagegen, die 2005 nach Mühlheim und anschließend Innsbruck wechselt, konzentriert sich in Krefeld verstärkt auf die mediale Kunst, die ab 2005 von der neuen stellvertretenden Direktorin Sylvia Martin in Zusammenarbeit mit der von 1986 bis 2013 für Sammlung zuständigen Kuratorin Sabine Röder aufgearbeitet wird. Unter dem Titel  »Video déja vu« werden so 2008 »Die Anfänge der Videokunst im Spiegel der Sammlung« im Haus Lange vorgestellt, wohingegen sich 2009 der Mies van der Rohe Stipendiat Koenraad Dedobbeleer wieder gezielt auf die Architektur von Haus Esters bezieht. Drastischer greift kurz danach noch John Baldessari in die Bausubstanz des Nachbarhauses ein, indem er sämtliche Fenster von außen mit einer Art Backsteintapete verschließt und sie dagegen innerhalb mit aufgeklebten Panoramaansichten von Landschaften wieder öffnet. Baldessaris Rauminstallation steht damit »in einer langen Tradition architektonischer Interventionen, die im Museum Haus Lange bis in die späten 1960er Jahre zurückreicht«. (Krefelder Kunstmuseen, Ausstellungsarchiv 2009)

John Baldessari: BLDG, LG WINDOWS W/ XLENT VIEWS, PARTIALLY FURNISHED, RENOWNED ARCHITECT, Museum Haus Lange 01.03. - 19.07. 2009. Gartenansicht. Foto: Volker Döhne

John Baldessari: BLDG, LG WINDOWS W/ XLENT VIEWS, PARTIALLY FURNISHED, RENOWNED ARCHITECT, Museum Haus Lange 01.03. – 19.07. 2009. Gartenansicht. Foto: Volker Döhne

Immer wieder suchen Künstler den Dialog mit diesem Ort der Kunst, der Architektur und seiner Geschichte, wobei die grundsätzliche Ausrichtung der Krefelder Kunstmuseen inklusive Hauses Esters und Haus Lange über die Jahre hinweg auf Internationalität angelegt ist. Auffallend ist dabei in den 80er Jahren eine enge Anbindung an die Düsseldorfer Kunstszene, woraus Ausstellungen zeitgenössischer Fotografie etwa von Thomas Ruff, Thomas Struth und auch Andreas Gursky resultieren. Neben Malerei, beispielsweise von Gerhard Richter (seit 1965 regelmäßig in Haus Lange und später Haus Esters) sowie Installation spielt die Fotografie auch heute noch in beiden Häusern eine wichtige Rolle.

Jüngere Entwicklungen im Programm der Krefelder Kunstmuseen besinnen sich auf die umfangreiche grafische Sammlung, die Magdalena Holzhey als Nachfolgerin von Sabine Röder seit 2014 aufarbeitet. So ist Ende 2015 unter dem Titel „Show & Tell“ in Haus Esthers und Haus Lange ein zeitenübergreifender Einblick in die Kunst der Grafik möglich, die in über 100 Jahren in die Sammlung aufgenommen worden ist. Der Blick auf das Historische erlaubt dabei im Zusammenspiel mit dem Aktuellen einen spannenden Dialog, vielleicht vergleichbar der in Krefeld immer wieder durchspielten Auseinandersetzung zeitgenössischer Künstler mit den besonderen Architekturen der Häuser Esters und Lange.

Werkangabe:
John Baldessari: BLDG, LG WINDOWS W/ XLENT VIEWS, PARTIALLY FURNISHED, RENOWNED ARCHITECT, Museum Haus Lange 01.03. – 19.07. 2009. Gartenansicht. Foto: Krefelder Kunstmuseen. Blick in die Ausstellung Eric Fischl, The Krefeld Project, Museum Haus Esters, 12.10.2003 – 25.01.2004. Foto: Krefelder Kunstmuseen

CHRISTIAN KRAUSCH

 

Literatur:
Schwerpunk Skulptur. Katalog zur Ausstellung im Kaiser Wilhelm Museum 1992, Krefeld 1992.
Julian Heynen – Ein Ort, der denkt. Haus Lange und Haus Esters von Ludwig Mies van der Rohe, Krefeld 2000.