»documenta auf Dauer«

Zur Geschichte des Kaiser Wilhelm Museums

Als »Zentrum neuer Kunst« wurde Krefeld nach der Wiedereröffnung des Kaiser Wilhelm Museums und der Fortführung der Ausstellungen im Haus Lange gefeiert. Ab April 1969 schwamm Paul Wember, der Direktor beider Museen, im Glück: Das Museum am Karlsplatz bot nach der Totalrenovierung über 40 Prozent mehr Ausstellungsfläche, und die Stadt hatte nach langem Tauziehen die Stiftung Dr. Ulrich Langes angenommen.

Kaiser Wilhelm Museum, Foyer, um 1970. Foto: Horst Nitschke

Kaiser Wilhelm Museum, Foyer, um 1970. Foto: Horst Nitschke

Die Freitreppe war beseitigt, das monumental gestaltete Treppenhaus aufgebrochen worden und man hatte zwei neue Decken in die Geschosshöhe eingezogen. So entstanden drei neue Hallen und zwei kleinere Räume für Ausstellungen. Zumal der ebenerdige Eingang durch frei schwingende Glastüren habe dem Haus, so Wember, »frische Menschlichkeit« gebracht. Der vormals unzugängliche Lichthof konnte nun als Skulpturenhof genutzt werden. Die Feuilletons der Republik überschlugen sich in Superlativen: »Die heimliche Hauptstadt der Avantgarde« war ihnen Krefeld, und die beiden Museen böten eine »documenta auf Dauer«. Auch die Krefelder selbst zeigten sich nun begeistert und nahmen regen Anteil am Kunstgeschehen in ihrer Stadt.

Jacopo Sansovino (1486 – 1570), Madonna mit Kind, um 1520, Papiermaché, farbig gefasst, 119,5 x 98,5 cm, Slg. Kunstmuseen Krefeld. Foto: V. Döhne, Kunstmuseen Krefeld

Jacopo Sansovino (1486 – 1570), Madonna mit Kind, um 1520, Papiermaché, farbig gefasst, 119,5 x 98,5 cm, Slg. Kunstmuseen Krefeld. Foto: V. Döhne, Kunstmuseen Krefeld

Die Sammlungsbestände zu erweitern und den Besuchern vor Augen zu führen, mit welchen Kunstschätzen das Museum aufwarten konnte, betrachtete der Museumsdirektor als seine vornehmste Aufgabe. Die Konfrontation von Historie und Moderne barg den nötigen Zündstoff für Begeisterung »Es ist gut, aus der Tradition heraus zu leben und ebenso tröstlich zu wissen, dass sich Gleiches nie wiederholt«, notiert Paul Wember in seinem Ausblick auf die 80-er Jahre. Besucher sahen im umgestalteten Haus altvertraute Schätze wieder und lernten viele neue Arbeiten kennen. Jüngere Besucher, die das Museum nicht von früher kannten, staunten über dessen historische Sammlungen etwa zu italienischer Renaissance und Jugendstil oder die Hülser Schüsseln. Die Stücke aus der Sammlung Lauffs trugen wesentlich dazu bei, dass geschlossene Werkblöcke präsentiert werden konnten. In einem Vergleich von fünf deutschen Museumsdirektoren der Wochenzeitung »Die Zeit« hatte die Krefelder Ankaufspolitik am besten abgeschnitten. Das bewog den Fabrikanten Walther Lauffs zu einer Abmachung mit dem Museumsleiter Paul Wember: Mit einem festen Jahresetat sollte dieser für Lauffs eine Sammlung aufbauen. Die erworbenen Kunstwerke wurden unter »Sammlung Lauffs« inventarisiert und sollten mindestens zehn Jahre in der öffentlichen Sammlung des Kaiser Wilhelm Museums bleiben. Der Rest ist Geschichte . . .

Paul Wember 25jähriges Dienstjubiläum 1972, Foyer Kaiser Wilhelm Museum. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- Nr. 39856

Paul Wember 25jähriges Dienstjubiläum 1972, Foyer Kaiser Wilhelm Museum. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- Nr. 39856

Krefelder- und Niederrhein-Künstlern galten bis 1972 Ausstellungen im Kaiser Wilhelm Museum. Dass Wember damit ein echtes Bedürfnis der Krefelder Kunstinteressierten befriedigte, zeigte der große Zulauf bei den Vernissagen. Es gab ein Wiedersehen mit Fritz Huhnen. Dieser ersten Einzelausstellung folgte die Präsentation von Leo Bigenwalds Werk. Zehn Künstler der Niederrheinischen Künstlergilde zeigten aktuelle Arbeiten. Erstmals in einem Museum durften Claus Böhmler, Hans Albert Walter, Erika Wicht und Zedlitz ihre Bilder zeigen ebenso wie Herbert Zangs, G.W. Cassel und Eberhard Gollner, die schon einen Namen hatten. W. Holzhausen, Rudolf Schoofs und Werner Schriefers sowie Elisabeth Kadow, Johannes Cladders, Lerche und Sundhaußen tauchen im Ausstellungsverzeichnis jener Jahre auf. Gegensätzliche Positionen wurden in den Grafik-Ausstellungen deutlich. Der Wechsel zwischen Alt und Neu trug auch hier zur Vielseitigkeit des Kunstangebots bei.

IRMGARD BERNRIEDER

 

Info:

Heinz-J. Ingenpahs: »Lauffs-Sammlung: Geht Krefeld die Kunst aus?«, am 31. Oktober 2007 in der Westdeutschen Zeitung
Sylvia Martin: »Staffellauf: vom lebenden zum lebendigen Museum – Paul Wember und Alexander Dorner«. In »Die Heimat«, Krefelder Jahrbuch, Band 84/ 2013