Linien und Bild-Experimente

Die grafische Sammlung der Kunstmuseen Krefeld 

Vielfältig und facettenreich: Die grafische Sammlung der Kunstmuseen Krefeld zählt rund 12.000 Zeichnungen, druckgrafische Arbeiten, Mappenwerke und Künstlerbücher. Sie besitzt Schwerpunkte im späten 19. Jahrhundert, in der angewandten Kunst, der Druckgraphik der Klassischen Moderne und unmittelbaren Nachkriegszeit sowie in einem breiten Spektrum an Papierarbeiten der 1960er Jahre bis heute. Aufgrund der Verschränkung von Ausstellungs- und Ankaufspraxis spiegeln diese Schwerpunkte im Wesentlichen die jeweils unterschiedliche Orientierung des Museums um die Jahrhundertwende, in den 1920er und den 1960er Jahren. Gerade diese geschichtlich bedingte Heterogenität bietet heute Potenzial für neue Blickwinkel und Fragestellungen. Ob Grafikzyklen von Max Klinger, japanische Farbholzschnitte des 19. Jahrhunderts, Jugendstilentwürfe, Lithografien von Pablo Picasso, Zeichnungen von Yves Klein, Lawrence Weiner und Claes Oldenburg, die die ortspezifische Auseinandersetzung mit den Häusern Lange und Esters dokumentieren, Bild-Experimente der Pop Art bis hin zu großen Konvoluten von Bruce Nauman, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Reiner Ruthenbeck, Thomas Schütte und Franz Erhard Walther, um nur wenige Beispiele zu nennen – die Energie der Linie und der experimentelle Reichtum druckgrafischer Medien ermöglichen direkte Begegnungen mit einer bestimmten Zeit wie auch mit dem künstlerischen Denken und Werkprozess.

Ab 20. September 2015 wird in den Museen Haus Lange und Haus Esters ein Querschnitt durch die grafische Sammlung präsentiert. Die Ausstellung »Show & Tell« ermöglicht erstmals einen Überblick über das Spektrum der in mehr als 100 Jahren gewachsenen Sammlung, deren geschichtlich bedingte Vielfalt als Potenzial für neue Blickwinkel und Fragestellungen begriffen wird. Für die Aufarbeitung, Ausstellung und Publikation des grafischen Bestandes erhalten die Kunstmuseen Krefeld 30.000 Euro vom Landschaftsverband Rheinland (LVR). Im Kaiser-Wilhelm-Museum, welches aktuell umfassend saniert und 2016 neu eröffnet wird, soll es zukünftig einen festen Ort innerhalb der Sammlungspräsentation für den grafischen Bestand geben. Das Museum widmet sich schon jetzt der Sichtung und Aufarbeitung des Bestandes. Der LVR unterstützt die Dokumentation und die Aufarbeitung.

MAGDALENA HOLZHEY / Kunstmuseen Krefeld

Weitere Infos: Grafik-Sammlung der Krefelder Kunstmuseen

 

Bestandsaufnahme des Mittelmäßigen

Gerhard Storck und die Grafik-Sammlung des Kaiser Wilhelm Museums

Gerhard Storck, Porträt um 1992, Direktor der Kunstmuseen Krefeld 1976 bis 1999. Foto: V. Döhne, Kunstmuseen Krefeld

Gerhard Storck, Porträt um 1992, Direktor der Kunstmuseen Krefeld 1976 bis 1999. Foto: V. Döhne, Kunstmuseen Krefeld

Über »Das Mittlere und seinen Wert« sinniert Gerhard Storck kurz vor seinem Ausscheiden 1999 im Katalog zur Ausstellung »Verlorene Zeit – aus einer Sammlung um 1900«. Er hatte nämlich in seinem Haus Inventur gemacht, um verstehen zu lernen, was »mittlere Qualität« überhaupt sei.

Angesichts der älteren Sammlungsbestände des Kaiser Wilhelm Museums, das ja bis zum Ersten Weltkrieg als Kunstgewerbemuseum fungierte, drängte sich der Versuch geradezu auf, mit Hilfe einer Grafik-Ausstellung jenes mittlere Qualitätsniveau anzupeilen. Die Reformhausidee hat seiner Ansicht nach, jene ernsthaften älteren Herrn mit Bärten dazu verführt, sich ganz dem Geschmackvollen zu widmen. Aus einer Ansammlung von rund 4.000 grafischen Arbeiten, die zwischen 1897 und 1914 ins Krefelder Museum gelangten, hatte Storck einen beispielhaften Extrakt zu filtern.

In seinem Katalogtext hält der Kunstwissenschaftler dem Philosophen Theodor W. Adorno – der dem »Mittleren« jeden Anspruch auf Dasein in der Kunst des 20. Jahrhunderts abgesprochen hatte – vor, dass Dasein stark vom Mittelmaß abhänge und somit in Sachen Kunst nicht ins Gewicht falle. Auch habe der Philosoph die Rolle der Kunstgewerbemuseen nicht in Rechnung gestellt, die als Ableger der Weltausstellungen ins Leben gerufen wurden, um »für das Mittlere in der Kunst – das Geschmackvolle – eine sichere Daseinsstätte zu schaffen.« Die Kleinmeister hätten stets die Szene des Daseins beherrscht, während die Großmeister alle Hände voll zu tun hätten, ihre Werke vom bloßen Dasein abzukoppeln.

IRMGARD BERNRIEDER