An der Hand von van Gogh

Heinrich Nauen verachtete den »Bluff« der »Blauen Reiter«

»Lieber Freund. Die Bilder für Burg Drove vollendet? Das ist eine frohe Neujahrs-Kunde. Ich denke zurück an die lange, lange Zeit des Werdens und Erstarkens dieser sechs Geschwister, die ich mit aus der Taufe heben durfte, die dann an Ihnen den allerstrengsten Erzieher hatten. Wie oft wurden Entwürfe, im Kleinen und Großen, geändert und umgemodelt; wie viele Einzelstudien sind entstanden; nie sah ich so viele Hände, gezeichnete, getuschte, gemalte, wie bei meinem letzten Besuche in Dilborn!« Walter Kaesbach schrieb diesen Brief am Sylvestertag 1913 an Heinrich Nauen. Und ein Jahr später wählte Alfred Flechtheim, der Galerist der Künstler-Avantgarde seiner Zeit, diesen Text als Prolog für den Katalog der ersten Einzelausstellung, die er ihm in seiner Galerie an der Düsseldorfer Königsallee ausrichtete.

In ihrem Mittelpunkt stand der monumentale sechsteilige Gemäldezyklus, den der Kunsthistoriker Edwin Suermondt für die Burg Drove bei Aachen in Auftrag gegeben hatte. Der Zyklus, der sich heute im Besitz des Kaiser Wilhelm Museums befindet, gilt als Nauens Hauptwerk, und um die sechs Gemälde, die ein Kritiker als »waghalsigen ikonographischen Parforce-Ritt« bezeichnete, gruppierte sich auch 1996 im Kunstmuseum Bonn die Nauen-Retrospektive. Damals beschrieb Volker Adolphs das Dilemma von Nauens Kunst so: Er schätzte das Großformat, wurde aber der Bildfläche nicht Herr, weil er die Gesamtkomposition zunächst in Einzelelemente zerlegte, und diese nicht wieder zu einer Einheit zusammenfügen konnte.

Heinrich Nauen (1880 – 1940), Badende Frauen, 1913, (aus dem Drove-Zyklus), Tempera auf Leinwand, 210 x 300 cm, Slg. Kunstmuseen Krefeld. Foto: V. Döhne, Kunstmuseen Krefeld

Heinrich Nauen (1880 – 1940), Badende Frauen, 1913, (aus dem Drove-Zyklus), Tempera auf Leinwand, 210 x 300 cm, Slg. Kunstmuseen Krefeld. Foto: V. Döhne, Kunstmuseen Krefeld

Früh hatte der Krefelder Bäckerssohn sich zum Malen berufen gefühlt. Als 18jähriger erkundete er kurze Zeit die Kunst der »Blauen Reiter« in München, empfand deren Spontaneität aber als »Bluff«, bevorzugte er doch den konstruierten Bildaufbau. Zwei Jahre studierte Nauen beim Grafen Kalckreuth in Stuttgart, wo er Marie von Malachowski kennenlernte, die er 1905 heiratete, ehe das Paar in die Seine-Metropole aufbrach, um an der Académie Julien zu studieren. Nauen fand seine eigenen Intentionen in der Malerei der »Fauves« umgesetzt und ließ sich von ihr inspirieren. »An der Hand von van Gogh«, so Nauen, war er unterwegs. Doch in Berlin (1906 bis 1911) blieb ihm der erhoffte Erfolg versagt. 1910 verbrannte der Künstler die meisten seiner Bilder.

Wenn er zweimal im Jahr für mehrere Wochen in seinem Atelier im Kotten »Der Düwel« in Orbroich weilte, fanden sich seine Künstlerfreunde Heinrich Campendonk sowie die Brüder August und Helmuth Macke gern dort ein. Auch auf Schloss Dilborn bei Brüggen, wo das Paar Nauen/Malachowski von 1911 bis 1931 einen Seitenflügel bewohnte, pflegte man regen Kontakt zu Künstlern des »Jungen Rheinland«. Seit 1921 lehrte Nauen wie auch Campendonk, Klee und Dix als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Sein Freund und Förderer Walter Kaesbach wurde 1924 zum KA-Direktor berufen. Die Nationalsozialisten brandmarkten Nauens Kunst als als »entartet« und drängten den Künstler 1938 in den Ruhestand. Nauen starb am 26. November 1940 in Kalkar. Joseph Beuys schuf seinen Grabstein nach einem Entwurf seines Lehrers Mataré.

IRMGARD BERNRIEDER

 

weitere Infos:
Heinrich Nauen und Marie von Malachowski- Nauen, Webseite der Gemeinde Brüggen, Texte Otto Lehmann