Unter dem Goldrad

Nationalsozialistisches Siedlungsprojekt Lindental

Haus in der Siedlung Lindental, 2014. Foto: Ralf Janowski

Haus in der Siedlung Lindental, 2014. Foto: Ralf Janowski

Wer sich heute zu einem Spaziergang durch die Siedlung Lindental (Baubeginn 1920/21) aufmacht, findet schon auf dem Stadtplan Spuren  der nationalsozialistischen Zeit. Auffallend sind die Straßennamen, die auch die beiden aufeinanderfolgenden Bauabschnitte deutlich machen. Im ersten Abschnitt, 1936 -1938 bebaut südlich vom alten Ferlingsweg, sind es »An de Plank« und »En et Bennert«. Der zentrale Platz heißt »Op de Pley«, alles alte mundartliche Bezeichnungen und an Flurnamen angelehnt. Im darauffolgenden Bauabschnitt nördlich davon finden sich Namen wie: Am Feierabend, Am Kinderhort, Arbeitsfrieden, Formerweg, Freizeitanger, Gießerpfad, Heimatplan, Hüttensteig, Schmelzergang und Zum Eisenhammer. Ursprünglich gab es noch die Straßen Goldrad (heute Gießerpfad) und Werkschardank (heute Formerweg). Sie wurden bereits im Mai 1947 umbenannt, weil sie zu deutlich an die NS-Zeit erinnerten. Goldrad war das Symbol der Deutschen Arbeitsfront: das Hakenkreuz in der Mitte eines Zahnkranzes. Werkschar war die Bezeichnung für die uniformierten Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront, einer Organisation, die nach der Zerschlagung der Gewerkschaften im Mai 1933 eine Pseudo-Arbeitnehmervertretung bildete.

Straße »Arbeitsfrieden« in der Siedlung Lindental. Foto: Ralf Janowski

Straße »Arbeitsfrieden« in der Siedlung Lindental. Foto: Ralf Janowski

»Die DAF (Deutsche Arbeitsfront) soll den Arbeitsfrieden im Sinne des nationalsozialistischen Gemeinschaftsgedankens sichern« (Brockhaus 1937)

»Das Amt Feierabend sorgt für … Veranstaltungen und Ausstellungen um den schaffenden Menschen zu den Kulturgütern der Nation zu führen« (Brockhaus 1937)

Auch innerhalb der Siedlung gibt es Hinweise, dass hier einst eine nationalsozialistische Mustersiedlung entstehen sollte. Die 259 Häuser, die von dem Architektenbüro Dahmen-Geilen-Nothoff geplant wurden, sind im Heimatstil gebaut. Die Materialien sollten vom Niederrhein stammen, der äußere Eindruck einem Bauernhaus entsprechen. Von der Grundstücksfläche von rund 1000 qm durften Haus und Nebengebäude maximal 20% einnehmen, der Rest sollte dem Eigenanbau von Obst und Gemüse dienen. Einige der Häuser tragen an der Giebelseite die Jahreszahl ihres Baus.

Die Innenausstattung war eher schlicht gedacht: Wohnküche, zwei bis drei Wohn- oder Schlafräume, Wirtschaftsraum, Keller und Kleinviehstall schienen bedarfsgerecht. Die Dachräume sollten ausbaubar sein, falls bei wachsender Kinderzahl zusätzlicher Wohnraum benötigt würde. Bad und Toilette mit Wasserspülung fehlen in der Auflistung. Die gesammelten Fäkalien dachte man als nützlichen Dünger für den Garten. Die ersten Häuser wurden zu Weihnachten 1936 bezogen. Die Edelstahlwerke spendierten Obstbäume, Beerensträucher, Maschendraht und Hühner.

In der Planung der Siedlung gab es zwei Plätze: an dem Platz Op de Pley entstand 1937 ein kleines Einkaufszentrum mit einem Kolonialwarenladen, einer Tabakwarenhandlung und einem Frisör. Ein Relief im zeitgenössischen Stil zeigt noch heute den Siedler in typischer Rollenverteilung.

Der Heimatplan war als Versammlungsort (Aufmarschplatz?) der Siedler gedacht. Dort befand sich der Sitz der Ortsgruppe der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront.

Dass bei den Siedlern an die Arbeiter der naheliegenden Edelstahlwerke gedacht war, dürfte man inzwischen herausgefunden haben. Die Werke wollten mit den Siedlungshäusern eine qualifizierte Stammarbeiterschaft an sich binden, der sie aufgrund des staatlichen Lohndiktates keine direkten finanziellen Anreize bieten konnte. Bei der Auswahl der künftigen Bewohner mischten NS-Organisationen, Staat und städtische Behörden mit. Der damalige Baudezernent Dr. Hollatz formulierte dies während einer öffentlichen Ratssitzung im Januar 1937:

»Zur Erlangung einer Siedlerstelle ist die Beibringung eines Eignungsscheines erforderlich, der vom zuständigen Gauheimstättenamt ausgestellt wird. Die Erteilung der Eignungsscheine erfolgt nur, wenn gegen die Ansetzung des Siedlungsbewerbers und seine Familie als Kleinsiedler in politischer und charakterlicher, gesundheitlicher und erbbiologischer Hinsicht und gegen die siedlerische Befähigung keine Bedenken bestehen. Die Siedlerfamilien, namentlich auch die Siedlerfrauen, müssen sich zum Siedeln eignen, d. h. entsprechendes Verständnis für die Bodenbearbeitung und die Kleintierhaltung aufweisen, Gemeinschaftsgeist haben, lebenstüchtig, sparsam und strebsam sein.« (RLZ. 13. Januar 1937)

Skulptur in der Siedlung Lindental von dem Bildhauer Theo Akkermann. Foto: Ralf Janowski

Skulptur in der Siedlung Lindental von dem Bildhauer Theo Akkermann. Foto: Ralf Janowski

1937 wurde in der Straße Am Kinderhort 28 ein Gemeinschaftshaus gebaut. Im ersten Stock lagen ein Sitzungszimmer und ein großer Raum für Veranstaltungen, unter anderem der Hitlerjugend. In den Räumen im Erdgeschoss wurde der Werkskindergarten der DEW untergebracht. Die Bronzeplastik im Garten, die zwei balgende Jungen darstellt, wurde hierfür von dem Krefelder Künstler Theo Akkermann 1937 gefertigt und steht dort auch noch heute. Während des Krieges wurde eine Säuglingsstation eingerichtet (wegen der arbeitenden Mütter) und eine Wäscherei (wegen der Evakuierung der Frauen und Kinder). 1944/45 zog der Volkssturm in das Gebäude ein.

Siedlung Lindental, Trampelpfad 2014. Foto: Ralf Janowski

Siedlung Lindental, Trampelpfad 2014. Foto: Ralf Janowski

Schon bald zeichnete sich in der Siedlung ein Konflikt ab. Es gab entgegen der ursprünglichen Planung unter den Arbeitern nicht nur Nationalsozialisten, die aus der Kirche ausgetreten waren, sondern auch Katholiken, die ihre Religion weiterhin praktizierten. In dem Nazi-Dorf war aber keine Kirche vorgesehen. Die katholische Kirchengemeinde St. Tönis kaufte deswegen 1942 das Haus Forstwaldstraße 154. Sonntags wurden in den unteren Räumen Gottesdienst gefeiert. Dazu wurden alle Türen geöffnet, um einen größeren Raum zu schaffen. Die Gottesdienste hatten regelmäßig zwischen 40 und 100 Teilnehmer. Noch heute gibt es einen kleinen Trampelpfad, der von der Forstwaldstraße zu der Straße »An de Plank« führt.

Die kirchlichen Aktivitäten waren der NSDAP-Ortsgruppe Krefeld-Lindental ein Dorn im Auge. Sie versuchte die Gestapo einzuschalten, um weitere Gottesdienste zu verhindern. 1943 wurde das Abhalten des Gottesdienstes in dem Wohnhaus verboten; die Stadt Krefeld schob vor, dass die Nutzung von Wohnraum zum Abhalten von Gottesdiensten nicht erlaubt sei. Die Gemeinde wich in einen Schuppen aus. Auch weiterhin wurden Kaplan Schneider und seine seelsorgerischen Aktivitäten bespitzelt. Erst nach dem Krieg konnte die Gemeinde St. Michael gegründet werden.

INGRID SCHUPETTA

weitere Infos:
Stadtportal Krefeld: »Kommission hat Straßennamen nach NS-Bezug geprüft«, Februar 2015