Einige Gedanken zur Ritterfeldsiedlung

Schlagbaumsweg / Tor zur Nernststraße, Linolschnitt von Georg Opdenberg, 11,2 x 8,2 cm, 2013, Foto: Künstler

Schlagbaumsweg / Tor zur Nernststraße, Linolschnitt von Georg Opdenberg, 11,2 x 8,2 cm, 2013, Foto: Künstler

Um die enorme Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu lindern wurde 1921 von der Stadtverwaltung der Plan zum Bau von circa 300 Wohnungen in eigener Regie gefasst. Südlich der Ritterstraße, der Name entstand um 1850 und bezog sich auf den Rittershof, der ursprünglich »Rutgers Hof« hieß und zum Kloster Meer gehörte, entstanden nach Entwürfen von Franz Lorscheidt, Krefeld, (1887 – 1962) in einem ersten Bauabschnitt 95 Wohnungen in 62 Häusern.

Die Häuser, die schon im Oktober 1922 bezogen werden konnten, liegen außen, entlang der Straßen, während sich die dazugehörenden, von hohen Hecken abgeschirmten, verschachtelten Gärten nach innen ausrichten. Die Backsteintore an der Ritter- und Siemensstraße sowie ein Torhaus schließen den Innenbereich des ersten Siedlungsabschnittes ab. Die einfachen, meist zweigeschossige Bauten mit Satteldach enthielten in der Regel nur eine Wohnung und waren verputzt. An der Ritterstraße liegen dreigeschossige Mehrfamilienhäuser mit Erkern, in den Eckbauten waren ursprünglich Ladenlokale eingebaut. Im Inneren des konischen Baublocks gibt es eine kleine H-förmige Bebauung mit einem begrünten öffentlichen Platz als Mittelpunkt. Die fortgeführten Seitenstraßen hin zur Eisenbahnunterführung rahmen den dreieckigen Voltaplatz vor der Siedlung. Die großen, geräumigen Wohnungen waren überwiegend für Beamte der Post- und Finanzbehörden vorgesehen und kosteten je nach Größe zwischen 10 und 50 Reichsmark.

In den folgenden Bauabschnitten (1925 – 27) südlich der Virchowstraße und westlich der Siemensstraße wurden weitgehend Mehrfamilienhäuser erstellt. Sehr auffällig treten in Form ziegelverkleideter Treppenhaustürme, Eingänge und Wohnerker in den Vordergrund. Im südlichen Teil der Nernststraße sind die Eingangszonen nicht nur durch die Verwendung unterschiedlicher, auch farblich differenzierter Ziegellagen betont, sondern auch durch voll plastische Standfiguren. Männer und Frauen sind gegenübergestellt und alle mit Attributen aus ihrer Arbeitswelt versehen, – ein deutliches Bild für die Gleichberechtigung der Arbeit. Neben historischen Rückgriffen beispielsweise an den Giebelfeldern gibt es auch expressionistische Elemente und Verweise auf den Art Deco. Erwähnenswert sind auch die Schmuckteller von Peter Bertlings (1885 – 1982, von 1910 bis 1950 Lehramt an der Werkkunstschule Krefeld) als Erkennungszeichen an den kleinen Reihenhäusern im Süden der Siedlung. Bedauerlicherweise ist der Denkmalschutz, zumindest was Fenster und Türen anbelangt, fast spurlos an dieser Siedlung vorbeigegangen.

GEORG OPDENBERG

Quelle: Hans-Peter Schwanke, Krefeld 1996, Architekturführer Krefeld

Weitere Info: Westdeutsche Zeitung vom 24.1. 2017: »Schmuckstücke der Nernststraße – Sprecher der Baudenkmal-Stiftung ärgert sich über den Zerfall alter Häuser. Ein Rundgang.« von Chrismie Fehrmann