Interview mit Renate Hauser geb. Steinert

Renate Hauser, geb. Steinert, zog es zu Lebzeiten einmal im Jahr in ihre Heimatstadt Krefeld. Bei einem ihrer letzten Besuche erzählte sie von Kindheit und Jugend im Poelzig-Haus

IB: Wie kam es zu dem Bauauftrag an Hans Poelzig?
RH: 1925 hat mein Vater Hans Poelzig kennengelernt. Das weiß ich vom Erzählen, ich kam erst 1926 auf die Welt. Mein Vater begeisterte sich für die Moderne. Er sammelte zeitgenössische Kunst und bewunderte die Arbeit dieses Architekten. Das ging so weit, dass er sich den gleichen Haarschnitt wie Poelzig verpassen ließ, eine den späteren Beatles-Köpfen ähnliche Art von Bubikopf, mit dem zeitgenössische Reformkünstler ihr Anderssein demonstrierten. Hans Poelzig hatte damals ein Meisteratelier an der Preußischen Akademie der Künste und war gleichzeitig Professor an der Technischen Hochschule Berlin. Poelzigs expressionistische Architektur: die kristallin anmutenden Formen, diese horizontalen, um die Ecke laufenden Fensterbänder und die abgerundeten Ecken, begeisterten meinen Vater so sehr, dass er ihm einen Brief schrieb und anfragte, ob er wohl ein Haus für seine Familie bauen würde.
IB: Und er bekam Antwort?
RH: Erstaunlicherweise sagte Poelzig sofort zu, obwohl er doch seit Errichtung des Festspielhauses in Salzburg (1920) und dem Umbau des Großen Schauspielhauses Berlin (1918/19) zu den am meisten beachteten Architekten in Europa zählte. Mein Vater kaufte 10 000 Quadratmeter Grund zu dem aus heutiger Sicht unglaublichen Preis von 17 Pfennigen pro Quadratmeter. Das fünf Morgen große Gründstück lag außerhalb der Stadt und musste erst ans Strom- und Wassernetz angeschlossen werden. Für den benachbarten Bauern Schmidt war Strom noch Teufelszeug.
IB: Gab es bei den Bauarbeiten noch andere Probleme?
RH: Hans Poelzig hatte ein rundes Reetdach geplant, dem das Stadtbauamt jedoch seine Zustimmung versagte. Das eigenwillig geformte Dach war riesig, die einzelnen Zimmer für Vater, Mutter, meine zwei Schwestern und mich, sowie eine Haushaltshilfe fielen dagegen klein aus.
IB: Erinnern Sie sich an Details der Innenausstattung?
RH: Es gab eine Balustrade, und einen wunderschönen Treppenaufgang, dem man ansah, dass Poelzig dem Deutschen Werkbund und seiner Maxime der schönen und funktionellen Form vollauf verpflichtet war. Thorn Prikker hatte ein Mosaik gestaltet, das heute im Museum ist, Teufen ein bleiverglastes Fenster mit einem Kranich geschaffen, und neben dem Hauseingang hing eine Seidenblume von Mataré. Ein Adler von ihm stand auf der letzen Treppenstufe im Garten.
IB: Mit welchem Gefühl denken Sie an Ihre Kinder- und Jugendzeit in diesem Haus?
RH: Ich bin mit Bildern und Musik groß geworden, was mich geprägt hat und bis heute nicht loslässt. 1926 geboren, war ich sechs Jahre alt, als wir den Neubau bezogen. Mir ist vor allem im Gedächtnis, dass unser Haus stets offen war. Auf den Festen floss Moselwein in Strömen und es wurde viel gescherzt. Gleichzeitig gab es tiefgehende Diskussionen über Bildende Kunst und Musik. Nicht über Politik. Es herrschte ein innerer Zusammenhalt gegen die Tendenzen draußen. Wir Kinder wurden modern erzogen und durften bei allen Soireen dabei sein, bei Festen, Hauskonzerten und Kerzenabenden.
IB: Welche Künstler haben Sie kennengelernt?
RH: Ganz genau erinnere ich mich an Ewald Mataré und seine Tochter Sonja, auch an Willi Teufen und Wolf von Beckerath. Mit Heinrich Nauen habe ich mal ein Boccia-Turnier in unserem Garten gewonnen. Thorn Prikker entwarf Paramentenstoffe und Kreuze, die im Werk meines Vaters gewebt wurden. Künstler und Bonvivants gingen bei uns ein und aus. Sie haben alle mit uns Kindern gespielt. Nach Kriegsende verkehrten Georg Muche und Gerhard Kadow, die an der Werkkunstschule unterrichteten, in unserem Haus.
IB: Wann ließen sich die politischen Veränderungen durch die machthabende NSDAP nicht mehr übersehen?
RH: Eindeutig nach dem Ausbruch des Krieges. Aber man spürte die Bedrohung schon früher. In der großen Familie Steinert stießen Nazis und Antifaschisten aufeinander, mein Vater war gegen die braunen Machthaber, und achtete darauf, dass in seiner Firma keine Nazis arbeiteten. Er trat im Gegensatz zu meiner Mutter nie in die NSDAP ein. Dem Wittlaerer Pastor Vaahsen, der eine Madonna von Mataré dem Zugriff der Nazis entziehen wollte, half er, indem er die Skulptur in unserem Haus einmauerte. Seit Mataré, von der Kunstakademie Düsseldorf als Lehrer entlassen, zu den entarteten Künstlern zählte, waren auch seine Arbeiten gefährdet. Als ich mit 14 Jahren einen Nazi zum Klassenlehrer bekam, hatte ich prompt in Politik eine 5 auf dem Zeugnis.
IB: Was geschah mit der Kunstsammlung Ihres Vaters?
RH: Die Kunstwerke wurden hinter einem Verschlag im Haus versteckt und überstanden den Krieg unbeschadet. Freilich wurden sie in späteren Notsituationen nach und nach sämtlich veräußert. Eine Putte mit Waage von Mataré, die im Innenhof der Fabrik stand, ist seit deren Zerbombung 1943 verschollen, von Nolde wurde eine Meereslandschaft zerstört. Ich erinnere mich an Sammlungsstücke wie einen Harlekin auf dunklem Hintergrund von Campendonk, zwei kleine Bronze-Kühe und Aquarelle von Mataré, Arbeiten von Feininger, einen kleinen Engel von Nauen, Werke von August Macke und Otto Müller, »Der rote Berg« von Georg Meistermann und Bilder von Oskar Schlemmer. Für drei Arbeiten von Schlemmer bekamen wir nach der Währungsreform ganze 250 Mark.
IB: Dann hieß es in den 1950er Jahren: Alles auf Anfang?
RH: Wir waren noch einmal davon gekommen und freuten uns des Lebens. Ohne Alkohol, jeder brachte mit, was er hatte, feierten wir 1948 wieder ein Fest im Haus. Zwei Jahre später fand eine Ausstellung mit Arbeiten der Mataré-Klasse statt, in der ja auch Beuys war. Und wir brachen auf, nach dem Sinn zu suchen.

Interview: IRMGARD BERNRIEDER

Das Poelzig-Haus.