Helmut Hentrich (1905 – 2001)

Kontinuität ohne Problembewusstsein

Ob es wohl die Bauten der Galopprennbahn oder doch die imposanten Villen des Krefelder Architekten August Biebricher waren, die in Helmut, dem Sohn des Krefelder Bauingenieurs Hubert Hentrich, den Entschlusses reifen ließen, Baumeister zu werden? Als er sich daran erinnerte, hatte er sich längst selbst einen Namen gemacht durch Hochhäuser im internationalen Stil wie etwa das Dreischeibenhaus in Düsseldorf, das zu den Vorzeigebauten der Nachkriegsmoderne in der Landeshauptstadt zählt.

Helmut Hentrich studiert Architektur in Wien und Berlin, zwei Zentren des avantgardistischen Bauens in der Zwischenkriegszeit, und ist nachhaltig beeindruckt von den Entwürfen und Bauten der beiden führenden Köpfe jener Jahre, Mies van der Rohe und Hans Poelzig. Explizit bezieht Hentrich sich auf Letzteren. 1929 erhält er, wie schon sein Vater 37 Jahre vor ihm, den Schinkelpreis. Über das Thema des prämierten Entwurfs, einer Tanz-Akademie, promoviert er. Nach Auslandsaufenthalten – u.a. in Paris und New York – gründet er mit Hans Heuser eine Ateliergemeinschaft. Auch Albert Speer und die Architekten-Elite des NS-Staates zählen seit Studienzeiten zu seinen Freunden, und so beteiligt er sich mit seinem Kompagnon auch an Wettbewerben der Organisation Todt und der Hitlerjugend. 1938 ist er auf der zweiten Architekturausstellung im Haus der Kunst vertreten, arbeitet später im Krieg führenden »Tausendjährigen Reich« im Wiederaufbaustab Speers und beschäftigt Zwangsarbeiter. Niemals problematisiert Hentrich seine Rolle im Gefüge der »NS-Architektur der Macht«, sondern glaubt, seine Arbeit von der Politik trennen zu können: »Die interessante Arbeit an diesen Bauten war immer nur sachbezogen und nie von politischen Aspekten gefärbt« (in : »Bauzeit. Aufzeichnungen aus dem Leben eines Architekten.« Düsseldorf 1995). Immerhin brachte Hentrich so sogar auf Hitlers »Gottbegnadeten-Liste«.

Der Architektenring Düsseldorf unter Federführung von Bernhard Pfau nahm nach Kriegsende jene Wendehälse aufs Korn, die sich – einst im Stab des Generalbauinspektors rührig – nun wieder in der Landeshauptstadt zu schaffen machten. Obwohl neben Julius Schulte-Frohlinde, Konstanty Gutschow und Rudolf Wolters auch Hentrich zu den Gemeinten zählte, tat dies seinem Ruf keinen Abbruch. Mit repräsentativen Gebäuden prägte er maßgeblich die wiederaufgebaute Düsseldorfer Innenstadt. Nach Heusers Tod 1953, wurde Hubert Petschnigg Hentrichs Arbeitspartner.

Das 1960 errichtete Bayer Kasino in Uerdingen wurde vom Architektenduo Hentrich/ Petschnigg entworfen. In seiner klaren Formensprache unumstritten, entspricht es längst nicht mehr aktuellen bauenergetischen Vorschriften. Die Einfachverglasung seiner großen Fensterflächen und die damit verbundenen hohen Heizkosten waren einerseits nicht mehr zu vertreten, die Sanierung nach gültigen Energievorschriften hätte andererseits zu viel gekostet. Der Eigentümer Bayer Real Estate will den Kubus am Rande des Chemparks direkt am Rhein abreißen, wohl auch, weil es das letzte Grundstück in seinem Besitz ist, das einen direkten Zugang zum Rhein hat, das anderweitig verwertet werden könnte. Im Gegensatz dazu räumt die Obere Denkmalbehörde dem Bau Denkmal-Status ein. Ein Nutzungskonzept gibt es jedoch ebenso wenig wie einen Investor.

IRMGARD BERNRIEDER