Von der Stadthalle zum Seidenweberhaus – 60 Jahre politischer Zankapfel I

Großes Drama im »Dorf mit Straßenbahn«

»Ein neues Gefüge, das den praktischen Erfordernissen des modernen und möglichst auch zukünftigen Wirtschafts- und Gesellschaftslebens genügt und gleichwohl die Unverwechselbarkeit und Tradition Krefelds zum Ausdruck bringt«, stellt der damalige Stadtplaner Gerhard Rabeler als Utopie dem »steingewordenen Ausdruck einer vergangenen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung« gegenüber (»Das zukünftige Krefeld«, Die Heimat 25 (1954), S. 265 ff.). Kein leichtes Unterfangen, dieser Neuanfang in der Stunde Null, denn außer der Beibehaltung des Vagedesschen Grundrisses steht alles zur Disposition. Im Brennpunkt: die bauliche Entwicklung zwischen den vier Wällen. In seiner Denkschrift aus dem Jahr 1959 analysiert Rabeler die Aktivitäten der letzten zehn Jahre und sein vernichtendes Urteil lautet: »Eine durchgreifende Neuordnung des Kernbereichs wurde nicht durchgeführt.« Der Grund: Stark zerstückelter Grundbesitz und gegensätzliche Interessen. Es fehle an ausreichenden Verkehrsflächen, Grünanlagen und einer sinnvollen Trennung von Wohn- und Geschäftsbereichen. Die Innenstadt als stadtpolitischer Zankapfel seit über einem halben Jahrhundert.

Theaterplatz/Ostwall um 1965 mit Stadtbücherei und Theater, links der Krefelder Hof. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.-Nr. 9955

Theaterplatz/Ostwall um 1965 mit Stadtbücherei und Theater, links der Krefelder Hof. Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.-Nr. 9955

Anfang der 1960er Jahre herrscht Aufbruchstimmung. Aus dem »Dorf mit Straßenbahn« (SPD-Ratsherr Adolf Markard) soll eine moderne Großstadt werden. Für den Neubau des kriegszerstörten Stadttheaters ist der zentrale Parkhofplatz, heute Theaterplatz, vorgesehen. Und unmittelbar benachbart soll die neue Stadthalle errichtet werden. 1961/63 werden Theater und Stadtbücherei gebaut. Zehn Jahre später soll das Seidenweberhaus das Gebäudetrio auf dem Theaterplatz abrunden. Doch erst im Januar 1976 öffnet es seine Pforten, und die Rheinische Post veröffentlicht den Stoßseufzer: »Das Seidenweberhaus ist der letzte Akt eines großen Dramas«. Nirgendwo sei seit Kriegsende soviel Herzblut geflossen wie in der endlosen Debatte um die Stadthalle. »Den provisorischen Stadthallenbau als vordringlichen zu behandeln«, bitten die Mitglieder des Kulturausschusses am 30. Dezember 1948.
Interessierte Kreise der Krefelder Bürgerschaft haben offensichtlich den Anstoß gegeben. Die Standorte des alten Theaters wie auch der alten Stadthalle bieten zu wenig Raum und werden verworfen. In der Vorlage für den Bauausschuss spricht sich der Beigeordnete Wilhelm Wronka  auch gegen den Sprödentalplatz aus, weil Krefeld sich kein zweites Zentrum leisten könne. Vielmehr lautet seine Empfehlung: als städtebauliche Dominante und Gegenstück zum Hauptbahnhof das nördliches Ende des Ostwalls (heute Polizeipräsidium). Der Bauauschuss pflichtet ihm bei, die Vorbereitungen beginnen,  kommen aber ins Stocken, und für zehn Jahre verschwindet die Stadthalle wieder von der politischen Bildfläche.

IRMGARD BERNRIEDER

Das Seidenweberhaus. Von der Stadthalle zum Seidenweberhaus – 60 Jahre politischer Zankapfel, Teil II