St. Martin

St. Martin, Einweihung 1931, Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- Nr. 6861-2359

St. Martin, Einweihung 1931, Foto: Stadtarchiv Krefeld, Fotobest., Obj.- Nr. 6861-2359

»Hinter dem Bahndamm«, das verhieß lange Zeit wenig Gutes. Gerade in den Mangeljahren nach der Weltwirtschaftskrise 1928 markierte diese Ortsangabe eine Arme-Leute-Gegend. Bahnhöfe waren aus erschließungstechnischen Gründen in der Peripherie der Städte angelegt, und die Gleise fungierten gleichsam wie Zäune um die »gute« bürgerliche Gesellschaft einer Stadt. Wer hinter diesen Gleisen lebte, gehörte meist der Arbeiterschaft an und zählte in konservativen Kreisen zu den »Roten«.

Die soziale und wirtschaftliche Benachteiligung des Südbezirks seiner Pfarre, der jenseits des Bahndamms lag, konstatierte 1913 der Pfarrer der Krefelder St. Josefskirche, Dr. Hermann Josef Sträter, und forderte dafür eine eigene Pfarre. Der Kirchenneubau wurde bewilligt, konnte jedoch wegen des zwischenzeitlich ausbrechenden 1. Weltkriegs erst 1927 in Angriff genommen werden. Unter den 122 Bewerbern eines Wettbewerbs wählte die Jury unter Vorsitz des Kölner Stadtbaumeisters Moritz den Entwurf von Professor Caspar Lennartz aus, seines Zeichens Leiter der Krefelder Kunst- und Gewerbeschule. Grundsteinlegung war am 29. Juni 1930, am 26. Juli des Folgejahres wurde das Gotteshaus St. Martin als Mittelpunkt des neuen Seelsorgebezirks eingeweiht.

Mit diesem Sakralbau stellte sich die architektonische Moderne in Krefeld ein, denn es ging zum Einen erstmals darum, beim Kirchenbau eine städtebauliche Lösung zu finden: Die Kirche samt  Nebengebäuden sollten in eine Baulücke eingepasst werden. Zum anderen wurde nicht die 1914 geplante neogotische Hallenkirche gebaut, sondern eine kastenförmige Saalkirche und ein Turm, sowie eine Kaplanei aus Backsteinmauerwerk. Der basilikal gestufte, querschiff- und stützenlose Hallenbau öffnet sich zur westlichen rechteckigen Apsis mit einer drei Meter höheren Decke und betont so den Altar. Leider verlor sich diese ursprüngliche Innenwirkung  durch einen Umbau im Jahr 1968.

Lennartz’ Gestaltung mit Elementen des romanischen Kirchenbaus – hölzerne Flachdecke und Rundbogenfenster  – lehnte sich an die kurz zuvor von Rudolf Schwarz und Hans Schwippert in Aachen errichtete Fronleichnams-Kirche an, die sich ihrerseits an Bauhaus-Regeln hielt.

IRMGARD BERNRIEDER