1.500 Urteile gegen Zivilisten in sechs Monaten

Von Juni 1919 bis Januar 1926 hatten in Krefeld belgische Militärs das Sagen. Die Besatzungsmacht überzog die Bevölkerung mit vielerlei Vorschriften.

Belgier-Siedlung, Tenderingstraße. Foto: Ralf Janowski

Belgier-Siedlung, Tenderingstraße. Foto: Ralf Janowski

Mitten in die Nachkriegswirren der 1920er Jahre führen Fragen nach »den Belgiern« in Krefeld. Die Stadt hatte sich als Oberzentrum am Niederrhein betrachtet und musste nun, nach dem verlorenen ersten Weltkrieg, mit seiner Besetzung die Kehrseite der Medaille kennenlernen. Über hundert Jahre waren seit dem Abzug der napoleonischen Truppen vergangen, als die belgischen Soldaten das Leben in der Stadt tiefgreifend  veränderten. Die Krefelder fühlten sich in ihrer Freiheit eingeschränkt und mussten von den belgischen Besatzern ähnliche Demütigungen einstecken, wie diese sie empfunden haben mochten, als deutsche Soldaten ihr Land ausplünderten.

Sieben Jahre gaben in der Stadt belgische Militärs den Ton an, sieben Jahre, die – historischen Quellen zufolge – für die Krefelder Bürger nicht nur magere waren, sondern bedrückende, in denen sie oftmals die Faust in der Tasche machten. Oder auch nicht: Zu einem Monat Gefängnis verurteilte das Polizeigericht den Wirt Karl Schmitz, weil er in seinem Lokal nicht gegen eine Schlägerei zwischen belgischen Soldaten und Krefelder Bürgern eingeschritten war. 350 Francs Geldstrafe kostete es einen anderen Krefelder, dass er einen Befehl missachtet hatte. Im ersten halben Jahr der Besatzungszeit hatte das Polizeigericht 1500 solcher Urteile vorzuweisen. Die Stimmung der Bevölkerung war angesichts rationierter Lebensmittel und galoppierender Geldentwertung ohnehin gedrückt. Dass man sich fast täglich mit neuen Verboten und Anordnungen herumzuschlagen hatte, lud sie auf. Die hohen Militärs bestimmten, was die Stunde schlug und wie oft die Glocken geläutet werden durften; sie zensierten die Tageszeitungen und kappten alle Verbindungen zur rechten Rheinseite, ja, vor den Feldzeichen der belgischen Armee hieß es gar, den Hut zu ziehen.
Sie untersagten das Fotografieren auf offener Straße und ignorierten Briefe in deutscher Sprache. Die Lokalzeitungen hatten die Aufgabe, die gesetzesgleichen Anordnungen der Rheinlandkommission zu veröffentlichen: neue Verordnungen, Verbote von Büchern und Filmen.

Die Offiziere in ihren khakifarbenen »englischen« Uniformen waren anfangs im Krefelder Hof, später in »Bürgerquartieren« untergebracht, ehe 1921 Am Hohen Haus die ersten Wohnhäuser für belgische Offiziersfamilien entstanden. Die Krefelder Architekten August Biebricher und Peter Frank zeichneten für die mehrgeschossigen Backsteinbauten verantwortlich.

Belgiersiedlung, von-Steuben-Straße 34. Foto: Ralf Janowski

Belgier-Siedlung, von-Steuben-Straße 34. Foto: Ralf Janowski

Die uniformierten Fremden waren in den Straßen allgegenwärtig und doch isoliert. Die Kasernen, Schulen und Barackenbauten, in denen die einfachen Soldaten untergebracht waren, dürften wie auch die Offizierswohnungen Inseln in einer ablehnend gestimmten Umgebung gewesen sein.

Heute stechen die renovierten hellen Fassaden an der Von-Steuben-Straße hervor. Unwillkürlich bleibt der Blick hängen an einer abgerundeten Hausecke, dem Balkon darüber und dem Walmdach; an der strengen neoklassizistischen Fenstergliederung und an ungewöhnlichen vieleckigen und ovalen Elementen. Hans-Peter Schwankes Architekturführer vermerkt unter den Hausnummer 14 bis 34 sowie für die Tenderingstraße 2, 4, 7, 9, 11 und Neuer Weg 80, 82, 84, 86: »Wohnbauten für Offiziersfamilien der belgischen Besatzung«. Entworfen und errichtet hat sie 1926 der Architekt Franz Lorscheidt. Die größte belgische Garnison wurde schon im Januar 1926 geräumt. Die ansprechenden Bauten, die das Reichsneubauamt damals in Auftrag gegeben hatte, sollten ursprünglich höheren belgischen Militärs vorbehalten sein. Angesichts der herrschenden Wohnungsnot zum Zeitpunkt des Truppenabzugs kamen schließlich Einheimische in den Genuss einer vergleichsweise komfortablen Bleibe.

IRMGARD BERNRIEDER

 

Ende der Besetzung

Die Besetzung der Kölner Zone endete am 31. Januar 1926. Das war ein Jahr nach dem im Versailler Vertrag festgelegten frühest möglichen Zeitpunkt. Fast ein halbes Jahr früher waren die letzten Truppen aus dem Ruhrgebiet abgezogen. Beim Seyffardt-Denkmal am nördlichen Ende des Ostwalls fand ein offizieller Festakt statt, auf dem der Oberbürgermeister eine Rede hielt. Glocken läuteten, Menschen zogen mit Fackeln durch die Stadt und trafen sich zu Dankgottesdiensten. (ibe)