Tipp 1. bis 29.2.2020

Kulturtipp Februar 2020-Martin Voehringer ©Martin Vöhringer wuchs in den sechziger und siebziger Jahren mit drei Geschwistern in einem schwäbischen Pfarrhaus auf. Er studierte in den achtziger Jahren Philosophie sowie Germanistik und Politologie an der FU Berlin.

Nach Theaterlehrjahren in Moers und Berlin Anfang der neunziger Jahre arbeitet er seit 1995 als Schauspieldramaturg, mit Stationen an der Ostseeküste (Rostock), in seiner schwäbischen Heimat (Aalen), zwischen den Meeren (Rendsburg/Schleswig) und seit 2010 am Niederrhein (Krefeld und Mönchengladbach).

 

 

Hier seine kulturellen Tipps für Februar 2020:

#1 – Kulturrampe, 3. Februar: Haley Johnsen.
Mein einziges Stadion-Konzert hörte ich Ende der siebziger Jahre von einem Platz jenseits der Absperrgitter aus, über hunderte von Metern hinweg wehten in leisen Fahnen die Songs von Aerosmith und Uriah Heep zu unsrem kleinen Grüppchen von Zaungästen herüber. Unter die vielen Tausende auf dem Rasen hätte ich mich auch nur bedingt mischen wollen, lieber waren mir schon damals die überschaubaren Mengen von fünfzig, hundert, dreihundert Leuten, und das ist so geblieben, egal ob im Konzert oder im Theater. Einer der feinsten kleinen Orte für Musik in Krefeld, den ich kenne, ist die Kulturrampe auf dem Schlachthofgelände. Die aus Oregon stammende Gitarristin und Sängerin Haley Johnson hat eine tolle Stimme und schreibt hörenswerte Songs. – Montag 3.2.2020   20.00 Uhr   Live auf Caesar’s Pallets   Haley Johnsen   Kulturrampe Krefeld    

#2 – Theater Krefeld, 15. Februar: Mein Kühlraum von Joël Pommerat.
Vor zwei Jahren zeigten wir im Theater Krefeld und Mönchengladbach zum ersten Mal ein Stück des in seiner Heimat gefeierten französischen Theatergenies Joël Pommerat, einen Reigen von 16 szenischen Miniaturen über die Erscheinungsformen der Liebe mit dem schönschrägen Titel Die Wiedervereinigung der beiden Koreas.
Pommerats Stück Mein Kühlraum, das nun Premiere hat, ist ein Stück über die Liebe zum Guten und die Faszination am Bösen, man könnte auch sagen, ein Stück über den Zusammenprall von Moral, Selbstverwirklichung (die es ja nur mit anderen geben kann) und ökonomischen Zwängen (ja, Bertolt Brecht und sein Der gute Mensch von Sezuan geistern da im Hintergrund herum, Pommerat setzt sich so ironisch wie produktiv mit B.B. auseinander).
In Mein Kühlraum geht es um die Angestellten eines Supermarkts, deren Chef plötzlich schwer erkrankt und der daraufhin seinen Laden sowie sein ganzes Vermögen seinem Personal vermacht, unter einer Bedingung: dass die Angestellten einen Tag im Jahr seinem Andenken widmen. Die Idee für diesen Chef-Gedenktag hat Estelle, eine Träumerin, deren Hilfsbereitschaft von ihren Kolleg*innen nur allzu gern angenommen wird. Estelle schlägt vor, ein Theaterstück über den Chef zu schreiben und aufzuführen. Das finden alle toll, aber wer die Idee hat, muss es auch machen… und das bringt Estelle bald in große Schwierigkeiten, denn außer ihr hat eigentlich keiner wirklich Bock auf dieses Theaterstück. – Samstag 15.2.2020   19.30 Uhr   Mein Kühlraum   Theater Krefeld

#3 – Jazzklub Krefeld, 17. Februar: Oded Tzur Quartet.
Wie die Kulturrampe so bringt auch der Jazzklub Krefeld immer wieder überraschende Musiker*innen aus aller Welt in unsere Stadt, eines dieser bestaunenswerten Wunder des Alltags (wobei klar ist, dass für solche Wunder viele, viele Menschen Jahr um Jahr arbeiten, oft einfach der Freude halber, herzlichen Dank!). Vom in New York lebenden israelischen Saxofonisten Oded Tzur hatte ich, bevor ich den Flyer des Jazzklubs sah, noch nie etwas gehört – und nach den ersten paar Takten im Netz… wow! Jetzt schon Danke für die Entdeckung, hoffentlich gibt’s noch Karten. – Montag 17.2.2020   20.00 Uhr   Oded Tzur Quartet   Glasfoyer  

#4 – Fabrik Heeder, 23. Februar: Die Hamletmaschine von Heiner Müller.
Eine Regisseurin aus Israel hat uns diese Inszenierung eines der fantasie- und kraftvollsten Dichter deutscher Sprache des zwanzigsten Jahrhunderts beschert. Nur acht Seiten lang ist Heiner Müllers berühmter Theatertext, der den Shakespeareschen Hamlet mit der Geschichte der tragischen Verbindung von Intelligenz und Macht im zwanzigsten Jahrhundert verknüpft. Ein acht Seiten langes hochkonzentriertes Kondensat, wo einem beim ersten Lesen erstmal bloß der Kopf schwirrt. Aber der Regisseurin Nava Zuckerman, der Grand Dame der israelischen Off Theater Szene, gelingt das Kunststück, uns die hochkomplexe Müllersche Textmaschine sehr sinnlich und sehr nachvollziehbar sehr nah zu bringen – unter anderem dadurch, dass sie die Hamletmaschine wieder rückbettet in den Kontext des Shakespeareschen Hamlet-Familien-Zusammenhangs. – Sonntag 23.2.2020   20.00 Uhr   Die Hamletmaschine   Kulturzentrum Fabrik Heeder 

#5 – Ort – Ihr liebster Leseplatz, Zeit – wann immer der Februar Ihnen noch eine Lücke zeigt: Albert Vigoleis ThelenDie Insel des zweiten Gesichts.
Gern hätte ich an dieser Stelle noch einen Filmtipp abgegeben, denn im Februar kommt der letzte Film der vor einem Jahr im Alter von 90 Jahren verstorbenen französischen Filmemacherin Agnès Varda (1928-2019) in Deutschland in die Kinos, Varda par Agnès, ein biographischer Filmessay der wunderbaren Meisterin der Nouvelle Vague. Aber der Primus Palast ist im Winterschlaf, das Bahnhofskino zeigt solche Filme nicht, und nach Mülheim, Duisburg, Köln oder gar, horribile dictu, Düsseldorf will ich an dieser Stelle natürlich nicht verweisen (auch wenn ich zugebe, in all diese Städte fahre ich jeweils gezwungenermaßen auf der Suche nach guten Filmen). – Also stattdessen ein Buchtipp, der Lesesessel ist ja auch ein nicht zu verachtender, wenn auch nicht gar zu geselliger Kulturort: Leihen Sie sich in der tollen Mediothek aus oder besser noch kaufen Sie sich in meiner Lieblingsbuchhandlung, einige Meter westlich der St.-Dionysius-Kirche, eines der zauberhaftesten Bücher in deutscher Sprache, die es gibt, geschrieben von einem Niederrheiner (im Exil allerdings…): Die Insel des zweiten Gesichts. Der Andere Buchladen hat meistens ein Exemplar vorrätig.