Dr. Isa Fleischmann-Heck, die stellvertretende Leiterin des Deutschen Textilmuseums, hat im Jahrbuch des Netzwerk Mode Textil (2017) den Beitrag »Kleidersammt – für eine Herrenweste aus dem 18. Jahrhundert« veröffentlicht. Die Restauratorin Petra Brachwitz vom Deutschen Textilmuseum hat dazu eine Gewebeanalyse beigetragen, die auch in der Jahrbuchausgabe publiziert wurde. Das Objekt aus Museumsbestand wurde zuletzt in der Ausstellung »Seide – Textile Pracht aus 2000 Jahren« (2016) gezeigt. Dabei handelt es sich um eine dunkelbraune in Form gewebte Stoffbahn für eine Herrenweste. Anhand von vergleichbaren Textilien und Bildbeispielen sowie schriftlichen Quellen hat Fleischmann-Heck nicht nur Erkenntnisse über den Krefelder Samt, sondern auch über diese spezifische Art von Seidengeweben für Herrenkleidung und ihre Verbreitung gewonnen. Die Herstellung von in Form gewebter Herrenkleidung und vorgefertigten Accessoires beruht auf einem veränderten Kleidungsverhalten im 18. Jahrhundert in weiten Teilen Europas. »Neben Mützen, Hauben und Halstüchern gehörten jedoch immer häufiger auch vorgefertigte Kleidung oder Kleidungsteile zu den Halbfertigwaren, die ein zunehmend modebewusstes Publikum erreichten«, so Fleischmann-Heck. In besonderer Weise galt dies für die Herrenweste, die aufgrund ihrer vielen Typen unterschiedlichster Qualität und ihrer individuellen Anpassungsmöglichkeit von Produzenten verschiedener Textilgattungen, Händlern und Kaufleuten vertrieben wurde. »Halbfertigfabrikate sowie Kleidung aus Seidensamt gehörten gleichwohl zu den Luxusgütern, die sich nur sehr wohlhabende Bürger und Adlige leisten konnten«, berichtet die stellvertretende Museumsleiterin. Wertvoller »Kleidersammt« aus Seide, wie ihn die Krefelder Gewebebahn verkörpert, erfuhr nur von den 1730er-Jahren bis in die 1770er-Jahre eine Popularität. Danach veränderte sich der Modegeschmack. Die Samtgewebe dieses Typs erlebten Jahrzehnte später nochmals eine Blütezeit. »Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die prachtvollsten Seidensamte in Lyon hergestellt, einige von ihnen in der Weise wie ein Jahrhundert zuvor, nur diesmal für die Damenwelt«, sagt Fleischmann-Heck.