»Krefelder Stadtkultur« 

Das Magazin »Krefelder Stadtkultur« sorgte für Wirbel und scheiterte an den Finanzen

»Krefelder Stadtkultur«, Ausgabe März 1990, Repro:

»Krefelder Stadtkultur«, Ausgabe März 1990, Repro: kMs

Die alternative oder auch freie Szene in Krefeld erwachte in den 1970er- und 1980er Jahren. (siehe auch unter »Die Dritten«). Da lag der Gedanke nahe, das für die Stadt neue Treiben auch publizistisch zu begleiten. Das Magazin »Krefelder Stadtkultur« (kurz: STK) tat dies zwischen 1987 und 1993.

Im März/April 1987 erscheint als »Vorläufer« »Kultur in Not 87«, das Blatt wird »[auf] einer vom Werkhaus organisierten Demonstration« verteilt. Diese zunächst nur einmalige Aktion wird in der STK zum Beginn der eigenen Geschichte erklärt (STK, Nr. 33, Mai 1990). Folgt man den auf den Titelblättern verzeichneten Jahrgangsnummern, war jedoch 1988 der erste Jahrgang.

Als Verantwortliche im Sinne des Pressegesetzes (V.i.S.d.P.) wird in den Ausgaben des Jahrgangs 1989 Annette Schmidt genannt, als Herausgeber fungiert die Firma KANJI-Do Werbegraphik. [Anm. d. Verf.: Ausgaben von 1988 liegen dem Verfasser nicht mehr vor.] Schmidt, die zeitweise parallel auch Geschäftsführerin der »Dritten« ist, bleibt bis zum Ende der STK die Verantwortliche.

Freie Journalisten als Redakteure

Thomas Hoeps und Jörg Wüstkamp, beide freie Mitarbeiter der Westdeutschen Zeitung, wirken als Redakteure ab 1988 mit. Seit der Ausgabe April 1990 (Nr. 32) gehören zum Redaktionsteam zusätzlich Frank Lingnau (ebenfalls bei der WZ) und Klaus Schmidt [Autor dieses Artikels], der Mitarbeiter der Rheinischen Post war. René Linke gehört zum Redaktionsteam ab der Ausgabe Nr. 47 (Juli/August 1991), ab der Februar-Ausgabe 1992 (NR. 53) auch Bärbel Schnell.

Verantwortliche der »Stadtkultur«: links Monika Vehreschild, Mitglied im Vorstand des Krefelder Stadtkultur e.V., rechts Annette Schmidt, die im Sinne des Presserechts Verantwortliche, Foto: Werkhaus, Archiv

Verantwortliche der »Stadtkultur«: links Monika Vehreschild, Mitglied im Vorstand des Krefelder Stadtkultur e.V., rechts Annette Schmidt, die im Sinne des Presserechts Verantwortliche, Foto: Werkhaus, Archiv

In den drei Jahren von 1990 bis 1992 erhält die STK einen Druckkostenzuschuss durch die Stadt in Höhe von 3000 DM pro Monat. Die rot-grüne Mehrheit im Stadtrat macht das möglich. Als Zuschussempfänger wird der Verein Krefelder Stadtkultur gegründet, der auch als Herausgeber fungiert. Die CDU als Oppositionspartei wendet sich mehrfach öffentlich gegen diesen Zuschuss. Der Streit eskaliert, nachdem in der STK-März-Ausgabe 1991 (Nr. 43) ein Interview mit Christoph Bönders erscheint.

»Knatsch um die Krefelder Stadtkultur«

Bönders ist umweltpolitischer Sprecher der Grünen, und das Interview behandelt unter anderem die Frage, ob Krefelder Firmen »an den Irak kriegswichtige Maschinen« geliefert haben könnten. Hintergrund ist die Invasion Kuwaits durch den Irak, die im Frühjahr 1991 durch eine internationale Allianz beendet wurde.

Der damalige CDU-Vorsitzende Wilfried Fabel richtet an den Oberstadtdirektor Heinz-Josef Vogt die Anfrage, ob er die Förderung der Stadtkultur »im Hinblick auf den Inhalt der Zeitung mit dem Grundsatz der Sparsamkeit und der Wirtschaftlichkeit bei der Führung der städtischen Haushaltswirtschaft für vereinbar hält« (RP Krefeld, 8.3.91).

»Krefelder Stadtkultur«, Ausgabe März 1991, Repro: kMs

»Krefelder Stadtkultur«, Ausgabe März 1991, Repro: kMs

Die STK gibt allen Krefelder Parteien in der Ausgabe vom Mai 1991 (Nr. 45) Gelegenheit, zum »Knatsch um die Krefelder Stadtkultur« Stellung zu nehmen. Fabel schreibt für die CDU unter anderem, die STK habe »einseitig, rot-grün-gefärbte, parteipolitisch motivierte Stimmungsmache betrieben«, der Schwerpunkt der März-Ausgabe [Golfkrieg, siehe oben] habe verhindert, dass sich die STK – wie es ihre Aufgabe sei – »schwerpunktmäßig mit der vielfältigen Kulturszene in Krefeld« auseinandersetze.

SPD und Grüne widersprechen Fabel, warnen vor einer Zensur. Die FDP schließt sich der Antwort des Oberstadtdirektors Vogt an, der Fabels Anfrage auch mit Hinweis auf die Pressefreiheit abschlägig beschieden hatte. Der »Knatsch« hat also keine direkten Konsequenzen.

Parteigänger für die Kultur mit Blick für soziale Themen

Im Rückblick kann konstatiert werden, dass sich die STK-Macher durchaus mit allen Parteien anlegten. Entscheidungen und Meinungen, die sich aus Sicht der Redaktion gegen die Kultur wandten, wurden bissig – manchmal vielleicht auch zu polemisch – kommentiert, egal aus welcher Partei sie kamen.

Ein umfangreicher Kultur-Terminteil war zentraler Bestandteil jeder STK-Ausgabe, die lokale Rock- und Pop-Szene wurde mit zahlreichen Bandportraits gewürdigt. Akteure der lokalen Kultur, unabhängig davon, ob sie kommunale Institute oder freie Einrichtungen vertraten, kamen in zahlreichen Interviews zu Wort. Literatur-, Musik und Kinotipps ergänzten die Berichterstattung. Sozial relevante Themen wie Kindesmissbrauch, der Umgang mit Drogenabhängigen, der Wohnungsmarkt für Studenten waren hingegen auch Titelstorys.

Die STK wurde stets kostenlos verteilt. Verkaufseinnahmen gab es nicht. In den Jahren von 1990 bis 1992, den Jahren des Zuschusses, wurde versäumt, den Anzeigenverkauf soweit auszubauen, dass die STK auch unabhängig hätte existieren können.

Zu wenig Anzeigen – Streit im Verein

Als klar war, dass es ab 1993 keinen städtischen Zuschuss mehr geben würde, lagen dem Trägerverein zwei Vorschläge zur Abstimmung vor. Annette Schmidts Vorschlag war, »die Stadtkultur demnächst mit reduziertem redaktionellen Teil und ausführlicherem Terminteil herauszugeben« (STK, Nr. 61, November 1992) Die Redaktion dagegen forderte, die Anzeigenakquisition zu professionalisieren, um den Wegfall des Zuschusses zu kompensieren. Der Verein entschied sich für Annette Schmidts Vorschlag, die Redaktion trat daraufhin geschlossen zurück. Die Ausgabe Nr. 62 vom Dezember 1992 markierte den Endpunkt der Zusammenarbeit. Die STK mit reduziertem Umfang wurde nach wenigen Ausgaben im Jahr 1994 ebenfalls eingestellt.

Damit war ein weiterer Versuch, in Krefeld ein Monatsmagazin mit kulturellem Schwerpunkt zu etablieren, gescheitert. Es hatte schon vorher Versuche gegeben, die schon gescheitert waren, es gab auch noch weitere. Das heute erfolgreiche Magazin KR-ONE macht vor, wie es hätte gehen können. Mit einer breiteren Aufstellung bei den Themen sind offenbar auch mehr Anzeigenkunden zu gewinnen. Diesen Weg hätte jedoch kein STK-Redakteur beschreiten wollen.

KLAUS M. SCHMIDT