Günter Dohr – Im Vorübergehen

Ältere Bahnhöfe von kleineren Großstädten sind selten schön. Der Lack der einstigen Pracht ist meistens ab und für eine umfangreiche Sanierung des Bestandes fehlt in der Regel das Geld. So ist das Ziel der meisten Passanten, den Ort schnell wieder zu verlassen. Ankommen, Abreisen, vielleicht noch einen schnellen Kaffee mitnehmen, lautet die Devise. Oder aber Kunst erleben! So am Krefelder Hauptbahnhof, wo mit Hubert Spierling und Günter Dohr gleich zwei große Glaskunst-Arbeiten zu sehen sind. Insbesondere das aus jeweils 11 Leuchtkastensegmenten bestehende Lichtobjekt von Günter Dohr an den beiden Wänden des langgestreckten Fußgängertunnels zwischen Willy-Brandt-Platz und Nordeingang lädt dazu ein, die hastigen Schritte zu verlangsamen.

Günter Dohr, »Im Vorübergehen«, 1988/93, Lichtinstallation. Foto: Künstler

Günter Dohr, »Im Vorübergehen«, 1988/93, Lichtinstallation. Foto: Künstler

Unweigerlich schieben sich dort »im Vorübergehen« von rechts und links dezente Farbfelder in den Blickwinkel, ausgehend von farbigen und weißen Leuchtstoffröhren hinter Milchglasscheiben. Auch wenn vielleicht im ersten Moment der Eindruck von hinterleuchteten, aber grade leeren Werbeschaukästen entstehen mag, so relativiert sich dieses Empfinden schnell. Vielmehr scheinen die zahlreichen Leuchtkästen den hastenden Passanten in ihrer unterschiedlichen Farbgebung auf seinem Weg begleiten zu wollen. Dabei bewirkt die unterschiedliche Rhythmisierung der gleichhohen, aber verschieden breiten und dabei gegliederten Leuchtkörper unweigerlich ein Stolpern in der Wahrnehmung. Folge davon ist eine Verlangsamung der Schritte, vergleichbar jenen sich verdichtenden Bodenmarkierungen, die in Ortseinfahrten die Fahrtgeschwindigkeit rein optisch regulieren helfen. Günter Dohr, geboren 1936 in Münster und von 1980 – 1999 Professor an der Fachhochschule Niederrhein, ist mit zahlreichen Lichtinstallationen im öffentlichen Raum vertreten. Gemeinsam ist ihnen, neben ihrer immer auch durch den Einsatz von farbigem Licht malerischen Komponente, der spielerische Umgang mit dem Faktor Zeit, der eine Interaktion mit den Betrachtern anbietet. Und wo ließe sich das besser erproben, als an jenem Ort, der ununterbrochen von Veränderung geprägt wird. Günter Dohrs Lichtinstallation hält der Hektik des Bahnhofs kurz etwas entgegen. Nicht pathetisch und auch nicht didaktisch, sondern ganz bewusst nur »im Vorübergehen«.

Werkangabe: Günter Dohr – Im Vorübergehen, 1988/93, Lichtinstallation, Hauptbahnhof Fußgängertunnel Südseite, Beidseitig je 11 Elemente

CHRISTIAN KRAUSCH