Die Galerie Christian Fochem

Der Krefelder Galerist Christian Fochem starb am 10. Dezember 2016 im Alter von 60 Jahren. Zur Würdigung seines Lebens und seiner Arbeit erscheint im »Kultur Index« ein Auszug aus der Trauerrede, die Ralph Kleinsimlinghaus anlässlich der Trauerfeier hielt.

Christian Fochem, Krefeld 2014. Foto: Gudrun Hoffmann-Krehl

Christian Fochem, Krefeld 2014. Foto: Gudrun Hoffmann-Krehl

»(…) Christian Fochem lernte ich damals bei dem Künstler Georg Cadora kennen: ein ernsthafter junger Mann, 5 Jahre älter als ich, der schon einige Semester Kunstgeschichte in Bonn studiert hatte, als ich gerade mit dem Studium anfing. Wir bildeten eine Krefeld-Bonn Fahrgemeinschaft und die Fochemsche Studentenbude auf der Königstraße in Bonn war eine konspirative Intellektuellenzelle: hier erforschte Christian in der von ihm gegründeten »Gesellschaft zur Erforschung der Monolettrie« den Buchstaben »Y«, sammelte Kunststoff-Einkaufstüten aus aller Welt und vor allem Kunst, unter anderem von Fritz Huhnen, Herbert Zangs, Georg Cadora. Es gab wöchentlich stattfindende Roulett-Runden und regelmäßige Besuche im Stamm-Griechenrestaurant. Hier hatte Christian schon seinen Kosmos gebildet, den er sein späteres Leben lang ausbauen sollte. Das gemeinsame Interesse an der Kunst führte zu der Gründung einer Galerie, deren Gründungsmoment oft für eine Anekdote gehalten wird, tatsächlich aber so stattgefunden hatte: Christian und ich kamen aus Bonn wieder einmal nach Krefeld und nach einem Besuch der Krefelder Hauptpost fanden wir in einem der Post gegenüber liegendem kleinen Laden auf dem Ostwall einen handgeschriebenen Zettel im Schaufenster, dass dieses Ladenlokal zu vermieten sei und man im Haus schellen möge. Ohne vorherige gemeinsame Absprache, ohne irgendwelcher Pläne vorher gemacht zu haben, quasi aus einem Automatismus heraus, schellten wir, eine nette alte Dame stellte uns die Räume als ihr ehemaliges Zeitungsgeschäft vor und nach einem kurzen beidseitigen Nicken mieteten wir diesen Raum für monatlich 360 DM an und in diesem Moment war die Galerie Fochem & Kleinsimlinghaus geboren.

Das Konzept der Galerie ergab sich aus der bisherigen Sammlungstätigkeit Christians: ausgestellt werden sollten Künstler, die in Krefeld leben bzw. gelebt haben oder mit der Stadt in Verbindung zu bringen waren. Nach einigem Forschen stießen wir hier auf die Krefelder Künstlergruppe 45, die damals völlig vergessen war, zumal das Krefelder Museum damals wie auch noch lange Zeit später sich nicht um die Kunst und die Kunstgeschichte in der Region kümmerte. Wir besuchten alte Damen und Herren, die sich zum Teil wunderten, dass sich junge Menschen für Ihre Kunst oder die ihrer verstorbenen Lebenspartner interessierten, und so trugen wir wunderbare Kunstwerke zusammen.
Schließlich wurde die Galerie Fochem & Kleinsimlinghaus am 9. Oktober 1983 mit dem ersten Teil der Ausstellung der Krefelder Künstlergruppe 45 eröffnet. Der Raum der Galerie war schlichtweg so klein, dass nicht alle Künstler untergebracht werden konnten und so folgte im Dezember 1983 der zweite Teil dieser Ausstellung. Die wiederentdeckte Kunst war so reichhaltig, dass dann etliche Einzelausstellungen aus dieser Gruppe folgten und schon bald kam es zu der Ausstellung des expressionistischen Malers Rudolf Perpeet, der uns in die Kunst des Rheinischen Expressionismus blicken ließ. Eine erste Katastrophe in der Galerie war die Ausstellung Herbert Zangs im Frühjahr 1984, da der Künstler in betrunkenem Zustand bei der Eröffnung eine Brandrede gegen das Krefelder Bürgertum hielt. Es folgten Ausstellungen von dem vergessenen Veristen Herbert Beyerlein und dem Berliner Künstler Heinz Trökes. Noch im gleichen Jahr sollte jedoch auch der Höhepunkt der gemeinsamen Ausstellungstätigkeit folgen, nämlich die Ausstellung »Halbzeit«, die Joseph Beuys mit Originalwerken ausrichtete. Der damals schon berühmte Künstler Joseph Beuys fühlte sich dadurch animiert, in einer noch unbekannten Galerie auszustellen, da wir Jung-Galeristen den Niedergang des der Stadt Krefeld gehörenden Eifelguts »Schirmau« und die daraus für die Stadt folgenden finanziellen Verpflichtungen dokumentierten, die seinerzeit durch ein Konzept des Künstlers Joseph Beuys verhindert worden wären. Die gesamte Ausstellung wurde an einen Krefelder Sammler verkauft und war auch gleichzeitig der Schlusspunkt der gemeinsamen Galerieaktivitäten.

Galerie Christian Fochem II Westwall , Krefeld. Foto: privat

Galerie Christian Fochem II Westwall , Krefeld. Foto: privat

Mich lockte die Kunstszene der Stadt Düsseldorf und Christian hatte in dem Galeriekonzept die erste Säule seiner Lebensbeschäftigung gefunden, nämlich die kritische Erforschung der Krefelder Kunst in Vergangenheit und Gegenwart. So folgten in den nächsten Jahren viele Ausstellungen zu dem Thema, ja sogar einige Künstlernachlässe fanden in Christians Galerie eine sichere Obhut. Die ersten Ausstellungen, die Christian in seiner alleinigen Galerie zeigte, waren u.a. Max Müller, Wolfgang Hahn, Johannes Rademacher, wieder Joseph Beuys und auch Ewald Mataré. Ab 1985 hatte Christian dann eine weitere Galerieräumlichkeit auf der Bogenstraße eröffnet, in der er sehr ambitionierte Ausstellungen mit dem Schwerpunkt Skulptur, Installation und Zeichnung zeigte. Somit schuf er sein zweites Standbein, in dem er programmatisch weit über Krefeld hinaus auch internationale Künstler präsentieren konnte. 1990 fand Christian dann in der Wallstraße seine idealen Galerieräume, die er dann über 25 Jahre bespielen sollte. Es sollten 150 Ausstellungen werden, in denen Christian über 60 Künstler präsentiert hat, viele davon mehrfach in Einzelausstellungen.

Blick in die Ausstellung Harald Kröner »mit/auf Papier«, 2010, Galerie Christian Fochem auf der Wallstraße. © Harald Kröner

Blick in die Ausstellung Harald Kröner »mit/auf Papier«, 2010, Galerie Christian Fochem, Wallstraße. © Harald Kröner

Als Galerist war Christian von der »alten Schule«, er setze sich für seine Künstler ein, verfolgte deren künstlerisches Schaffen über lange Perioden, war deren Ansprechpartner, Berater und Freund. Für ihn bestand eine Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung von berühmtem Klassiker und jungem, noch unbekannten Künstler. Er prägte ein völlig eigenes Programm, fern ab der Moden und Attitüden des sich immer schneller drehenden Kunstmarktes. Für seine Kollegen war er ein wertvoller, kritischer und ehrlicher Berater, oft habe ich seinen Ratschlag gesucht. Der regelmäßige Galeriebetrieb, die Vor- und Nachbereitungen der Ausstellungen, die Betreuung von Künstlern und Künstlernachlässen, die Beratung der Sammler, die finanzielle Konsolidierung der Galerie, all das hatte natürlich für den Ein-Mann-Betrieb auch seinen Preis: Christian opferte sehr viel mehr Zeit auf, als es in einem normalen Berufsleben üblich wäre, er war fleißig, uneitel und die üblichen Konsumwerte hatten für ihn keine Bedeutung. Er verzichtete auf Vieles, stellte oft seine persönlichen Bedürfnisse zurück und erwarb stattdessen Papierarbeiten und Skulpturen seiner Künstler, die dann nicht mehr zum Verkauf standen, sondern in seine Sammlung wanderten. Für die Menschen, mit denen Christian freundschaftlich verbunden war, und auch für die, die beruflich mit ihm zu tun hatten, war er ein zuverlässiger und ehrlicher Partner, auch nicht den Konflikt scheuend, wenn es darum ging, dem Gegenüber ein offenes Wort zusagen.

Christian Fochems Grab liegt im Grabfeld »Y«, Sie erinnern sich, so hat seine Sammeltätigkeit angefangen, so wird sie dann auch enden. Der Kreis schließt sich.
Christian Fochem hinterlässt eine große Lücke, (…..), in der Stadt Krefeld, in der er über fünfunddreißig Jahre lang die Position der modernen und zeitgenössischen Kunst vehement vertreten hat. (…)«

RALPH KLEINSIMLINGHAUS, im Dezember 2016

Weitere Infos:
Galerie Christian Fochem
Rheinische Post: »Kunstszene trauert um Galerist Christian Fochem« von Petra Diederichs
Westdeutsche Zeitung: »Christian Fochem ist tot« von Michaela Plattenteich.