Tipp 1. bis 15.12.2013

Stefan RademacherDer Krefelder Jazzbassist Stefan Rademacher blickt auf eine langjährige nationale und internationale Musikerkarriere zurück. 13 Jahre lang arbeitete er mit dem US-Schlagzeuger Billy Cobham. Er hat eine Professur an der Hochschule der Künste Bern sowie Lehraufträge an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf und an der Essener Folkwang Universität der Künste. 1996 gründete er in Krefeld die Konzertreihe »jazzattack«. Stefan Rademacher ist 1. Vorsitzender des Vereins Kultur in Krefeld e.V.. Hier seine Tipps für die ersten zwei Dezemberwochen:

2. DEZEMBER »GIVE THE DRUMMER SOME« IN DER MEDIOTHEK KREFELD UM 20:00 UHR – Schon in den ersten Tagen des neuen Monats kann ich Ihnen den Besuch eines informativen und sicher sehr vergnüglichen Vortrages in der Mediathek empfehlen. Der Bassist André Nendza entführt dort in seiner Reihe »Was Sie immer schon über Jazz wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten« in die Welt der großen Schlagzeuger des Jazz. »Give the Drummer some« heißt die dritte Folge seiner Vortragsreihe, veranstaltet vom Jazzklub Krefeld. Ich selbst kenne André seit dem Beginn der 90er-Jahre, als er in Köln an der Musikschule Bass studierte und daneben einige Jahre mein Privatschüler war. Seinen Werdegang verfolge ich seitdem mit Staunen und Bewunderung. Andrè hat sich schon bald nach dem Studium ganz auf den Kontrabass konzentriert. Er ist ein großartiger Komponist, war und ist an unzähligen musikalischen Projekten beteiligt, viele davon unter eigenem Namen, viele davon preisgekrönt. Im Jahre 2012 wurde André Nendza mit dem deutschen Jazzecho ausgezeichnet. Auch als Pädagoge ist er sehr erfolgreich. In seinen Vorträgen besticht er mit großem musikalischen Wissen und Humor – ich kann den Besuch seiner Reihe nur empfehlen!

4. DEZEMBER GEORGE WHITTY TRIO IM JAZZKELLER KREFELD UM 20:30 UHR – Zwei Tage später haben Sie Gelegenheit, mit dem bei Andrè Nendzas Vortrag frisch gewonnenen Erkenntnissen über die Schlagzeuger des Jazz einen ihrer großen Vertreter live in Krefeld zu erleben. Tom Brechtlein ist als Mitglied des George Whitty Trios zu Gast im Krefelder Jazzkeller in der Lohstraße. Die Vorfreude lässt mein Musikerherz schon jetzt höher schlagen! Ich war bereits Fan von Tom Brechtleins Spiel, als er, damals 20 jährig, Mitglied in Chick Coreas Band wurde. Das Album »Tap Step« mit Toms elektrisierendem Groove habe ich gehört, bis das Vinyl durchscheinend wurde. Tom spielte später in den Formationen der Jazzlegenden Wayne Shorter und Al DiMiola und seit 1986 im Trio des Gitarristen Robben Ford. Zufällig spielt Tom Brechtlein auch in meiner eigenen Biografie eine wichtige Rolle: 1989 bekam ich die Chance, bei der Schweizer TV Reihe »Jazz in Concert« mit den Pianisten Christoph Spendel und Don Grusin sowie dem US-Gitarristen Lee Ritenour zu spielen. Am Schlagzeug saß damals Tom Brechtlein – sein beeindruckender Groove schwingt bis heute in mir nach!
George Whitty, Leiter des Trios im Jazzkeller, ist einer der gefragtesten amerikanischen Keyboarder und Produzenten. Er spielte die Tasten auf zahlreichen Aufnahmen, die zu den meistverkauften Alben aller Zeiten gehören, so auch auf Santanas »Supernatural«. Er wurde als Keyboarder/Produzent vielfach mit dem Grammy ausgezeichnet, so mit Chaka Khan, dreimal mit den Brecker Brothers und zuletzt mit Randy Brecker. Als er 2003 mit dessen Band auf Europa-Tournee ging, um die später mit dem Grammy ausgezeichnete CD »34th and Lex« vorzustellen, fehlte ein Bassist. Ich hatte das Glück und die große Ehre, dass Randy Brecker mich damals einlud, mit der Band einige Konzerte in Europa zu spielen. So kenne ich also auch Goerge Whitty aus eigener Anschauung und kann nur in die Runde rufen: Geht in den Jazzkeller – dieses Konzert darf man nicht verpassen!

5. DEZEMBER »JAZZATTACK« IM JAZZKELLER KREFELD UM 20:30 UHR – Abrunden kann man diese musikalisch bemerkenswerte erste Dezemberwoche, mit einem weiteren Besuch im Jazzkeller. Diesen mehrfach mit dem »Spielstättenpreis NRW« ausgezeichneten Klub gibt es nun seit über 50 Jahren – und noch immer zählt er zu den wichtigsten Veranstaltungsorten des Landes! Hier findet auch die »jazzattack« statt, eine von Axel Fischbacher und mir vor 16 Jahren gegründete Konzertreihe. Sie bringt Musiker aus dem ganzen Land, manchmal auch aus dem Ausland, zu spontanen Konzerten zusammen. Dieses Mal hat Axel den Vibrafonisten Mathias Haus eingeladen. Gleichermaßen zu Hause im Jazz und der zeitgenössischen Musik leitet er zahlreiche eigene Projekte, veröffentlichte 30 CDs, viele davon preisgekrönt, spielte mit den wichtigsten deutschen Musikern und Big Bands, leitete »Düsseldorf Percussion« der Düsseldorfer Symphoniker und ist Dozent an der Hochschule Köln. Sein expressives, virtuoses Spiel und seine enorme Bühnenpräsenz sind legendär. So widmet ihm die renommierte Düsseldorfer Konzertagentur Heinersdorff seit 2001 jedes Jahr eine eigene Konzertreihe!

»BUILDING FROM THE INSIDE« VON RICHARD DEACON – Meinen Tipps für die Ohren möchte ich nun einen Erlebnishinweis für gleich mehrere andere Sinne folgen lassen. Dabei bleibe ich dem bisherigen Thema durchaus treu. Das Kunstobjekt »Building from The Inside«, im Volksmund das »Doppelohr« genannt, wurde von dem englischen Plastiker Richard Deacon entworfen und 1992 der Stadt Krefeld übergeben, die es auf dem Voltaplatz aufstellte. Diese begehbare, 6,20 m hohe Stahlkonstruktion erinnert an zwei über einen Gehörgang miteinander verwachsene Ohren. Sie gibt so dem Hörvorgang eine sichtbare und ertastbare Gestalt. Beide Ohren lauschen nicht nur – wie man meinen könnte – dem Verkehrslärm rund um den Voltaplatz. Nein, sie hören alle Geräusche und Laute der Stadt, Hörbares und Unhörbares, Ungehörtes und Unerhörtes, Stadtgeflüster und natürlich auch Laute, die nächtens aus den Jazzkellern der Stadt herüberwehen. Geht man durch das Objekt hindurch, wird zudem ein Kommunikationsphänomen erlebbar, das man landläufig mit »hier rein – da raus« bezeichnet. Dieser in der Wirkung durchaus vertraute, in seinen physiologischen Vorgängen aber kaum erforschter Prozess, wird auf Krefelds Voltaplatz auch für den medizinischen Laien begreifbar. Der Platz ist übrigens nach dem italienischen Physiker Alessandro Graf Volta benannt. Er postulierte bereits vor 200 Jahren, dass mit Stromapplikationen ein Höreindruck zu erreichen ist. Damit kann er als ein Pionier der modernen Cochlear-Implant-Technik gelten. Und mit diesen Gedanken zu den kleinen Helfern im Ohr schließt sich für den Eingeweihten der Kreis zurück zum mehrfach erwähnten Jazzkeller Krefeld. Denn hier sprach 1986 der Pianist Christoh Spendel angesichts einer monströs lauten Rückkopplung auf der Bühne zum verdutzten Publikum: »Wenn hier etwas pfeift, dann sind es die Hörgeräte«. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen zwei akustisch-musikalisch vergnügliche Dezemberwochen.